Was ein Blog auch soll: "Integrativen Pluralismus" fördern

Die Sommerpause ist seit einer Woche vorbei, schade eigentlich, denn in diesem Urlaub konnte ich endlich einmal wieder das tun, wozu sonst im Alltag und an Wochenenden zu wenig Zeit bleibt: Bücher lesen. Und das ist herrlich und frustrierend zugleich.

Herrlich war es, weil ich die Ruhe hatte, Bücher komplett in einem Rutsch und nicht nur selektiv lesen zu können. Frustrierend ist die Lektüre, weil mir stets die Begrenztheit des eigenen Wissens deutlich wird, und das gilt erst recht, wenn man einmal in andere Wissensgebiete hinein schnuppert, was ich unbedingt allen an Wirtschaft interessierten Menschen empfehle.

Nein, unter den verschlungenen Büchern war kein einziges Buch der Handelsblatt Bestsellerliste der am besten verkauften Wirtschaftsbücher. Von diesen auf Sensation und einfachen Erklärungen gepimpten Bücher halte ich wenig. Häufig sind sie sogar schädlich, weil sie reduktionistische Erklärungen für komplexe Sachverhalten bieten und daraus platonisch einfache Handlungsempfehlungen ableiten, die selten die Komplexität der ökonomischen Praxis wirklich ausleuchten. Meine Bücherliste hatte andere Schwerpunkte: Biologie, Physik, Komplexität, Risiko, Chaostheorie, Behavioral Economics und Zufall.

Aber zurück zum Thema dieses Beitrags. Ich wurde einmal gefragt, warum ich einen Blog betreibe. Meine Antwort zeichnete sich nicht gerade durch Originalität und Tiefe aus. Ich wollte eine Art Gegengewicht zu der Mainstream-Darstellung über Wirtschaftsthemen in den Medien und Themen vertiefen können, die mich persönlich interessieren und daneben in Diskussion darüber mit interessierten Mitmenschen kommen. So oder ähnlich halten es im Prinzip viele Weblogs.

Nun hat mir meine Urlaubslektüre aber eine weitere Argumentation geliefert. Wenn wir unsere komplexe Welt auch nur ansatzweise verstehen wollen, dann brauchen wir eine viel pluralistischere Darstellung der Ökonomie, egal ob in der Wissenschaft oder in der Praxis. Und gerade Weblogs können hier vielleicht ein ausgezeichnetes Bindeglied darstellen zwischen der sich meist in engen Zirkeln bewegenden Wissenschaftlern, die vorwiegend für ihre Fachkollegen publizieren und der an einfachen und “populären” Erklärungen interessierten Tagespresse oder Publikumszeitschriften.

Sandra Mitchell, die ein ganz herausragenden Buch über Komplexität geschrieben hat (Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, Frankfurt 2008.) hat mich in der Sicht bestärkt, dass niemand heute mehr allein in der Lage ist, komplexe Systeme und Sachverhalte – und dazu rechne ich die praktische Ökonomie – zu besetzen. Mitchell schreibt:

“Komplexe Systeme entziehen sich einfachen Untersuchungsmethoden und einer einfachen Logik der Schlussfolgerungen. … In Wirklichkeit hat unsere Welt viele Formen und Größen, und ihre Strukturen unterscheiden sich im Ausmaß ihrer Stabilität, so dass sich mehr oder weniger kontingente Wahrheiten ergeben, die wir kennen und im Sinne unserer Ziele und Bestrebungen nutzen können.”

Mitchell lehnt leidenschaftlich und mit tiefer Argumentation reduktionistische Betrachtungen ab. Zwar hält sie Reduktionismus nicht immer für falsch, jedoch dann wenn er zur einzig möglichen Strategie erklärt wird. Mitchel plädiert bei der Untersuchung komplexer Systeme für eine Betrachtungsweise, die sie integrativen Pluralismus nennt. Ohne dies jetzt im Detail zu vertiefen zeichnet sich ihre Erkenntnismethode durch folgende Merkmale aus (S. 22):

  • Pluralismus: die Integration zahlreicher Erklärungen und Modelle auf vielen Erklärungsebenen anstelle der Erwartung, es müsse stes eine einzige, einfache, grundsätzliche Erklärung geben
  • Pragmatismus anstelle des Absolutismus: die Erkenntnis, das es viele Weg zu einer zutreffenden, wenn auch nur teilweisen Darstellung der Natur gibt, zu der verschiedene Grade der Verallgemeinerung und unterschiedliche Abstraktionsebenen gehören. Welche Abbildung am besten “funktioniert”, hängt von unseren Interessen und Fähigkeiten ab.
  • Schließlich die Dynamik des Wissens, das sich immer weiter entwickelt, anstelle eines statischen Universalismus. Diese Eigenschaft nötigt uns, neue Wege zur Erforschung der Natur zu finden und entsprechend den dabei gewonnenen Erkenntnissen zu handel.

Dieses Zitat soll jetzt nicht abgehoben klingen. Ich verstehe es eher als ein Plädoyer dafür, sich intensiver auszutauschen über Phänomene, für die wir Erklärungen suchen, was den Blick Log betrifft über Phänomene der praktischen Wirtschaft. Viel zu häufig geben wir uns mit einfachen und oberflächlichen Erklärungen zufrieden und übersehen dabei, wie aufregend komplex eigentlich die Wirtschaftspraxis ist.

Weblogs können kleine Beiträge dazu leisten, den von Mitchell geforderten Pluralismus zu fördern, in dem sie für ihre Spezialgebiete etwa versuchen,

  • alternative Erklärungen anzubieten,
  • zu reduktionistische Argumentationen des Mainstreams zu entlarven oder
  • wissenschaftliches Spezialwissen praxisnah übersetzen.

Allein dies sind bereits hohe Ansprüche, von denen ich weiß, dass nur wenige Beiträge des Blick Logs diese hohe Hürde erreichen können. Klar ist aber, dass kein Weblog dies allein leisten kann. Aber in der Summe ist, wie ich finde, mit den Wirtschaftblogs ein kulturelles Milieu entstanden, dass zwischen Medien, Wirtschaftspraxis und Wissenschaft eine integrierende und pluralistischere Sichtweise auf wirtschaftliche Phänomene in einer Weise in die Öffentlichkeit tragen kann, wie Mitchell sie vorschlägt.

Wollen wir die Komplexität der Wirtschaftspraxis wirklich besser verstehen und daraus Nutzen für unsere Praxis ziehen, dann hilft es außerdem wenig, sein Wissen nur für sich zu behalten, denn die Halbwertzeit unseres Wissens für die Wirtschaftspraxis ist äußerst kurz. Wir können diese Halbwertzeit mit etwas Mühe erhöhen, wenn wir uns z.B. über Weblogs oder andere Plattformen über Erklärungen und Erkenntnisse austauschen, die andere Personen für sich entdeckt haben.

Was noch viel wichtiger ist, wir dürfen das “öffentliche Denken” nicht nur einigen wenigen Personen aus Wissenschaft, Medien, Politik und ausgewählten Unternehmensvertretern überlassen. Wie schrieb Kant dazu treffen in einem Aufsatz zur Aufklärung: “Sapere aude.” Traue Dich, selbst zu denken.

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