Supermacht im Niedergang

John W. Drummond gehört zu den öffentlichen Figuren der USA, die trotz historisch niedriger Zustimmungsraten für den Kongress Anerkennung und Respekt genießen. Der „Senator of South Carolina“ ist seit 1965 Abgeordneter. Außerdem ist er in den USA ein bekannter Geschäftsmann und hoch dekorierter Kriegsheld. Als Pilot der 405. Kampfbomber-Gruppe wurde er im Zweiten Weltkrieg über Frankreich abgeschossen und brachte 10 Monate als Kriegsgefangener zu. Wenn er seine Uniform zu offiziellen Anlässen trägt, prangen an der Brust das Flying Cross, zwei Purple Hearts, neun Air Medals, drei „Battle Stars“ sowie diverse Auszeichnungen von US-Präsidenten.

Drummond ist einer, der ohne Gasmaske und Feuerschutz in die Hölle marschiert, den Teufel niederringt und ihm den Flammenwerfer abnimmt. Er ist einer der integren Siegertypen, wie sie in Hollywood immer verherrlicht worden sind und wie ihn die schwer angeschlagenen USA derzeit dringend brauchen. Nicht nur seiner Verwegenheit und seines Mutes wegen, sondern auch wegen der Ehrlichkeit, die er repräsen-tiert und ausstrahlt.

Ich habe Drummond in dieser Woche während meines Campingurlaubs in Oregon in einem lokalen christlichen Radiosender gehört. Am Ende eines langen Interviews, in dem Drummond die Amerikaner zu mehr politischer Beteiligung aufrief, bat ihn der Moderator, für die Zuhörer zu beten. Drummond ließ kaum eine der fast rituellen Beschwörungen über die Größe und Gnade Amerikas aus: „Thank you God for blessing our country more than any other on this planet ….“.

An dieser Stelle brach es aus diesem Mann trotz all seiner Bodenständigkeit und Vernunft heraus. Wie um alles in der Welt stellt er sich einen Gott vor, der einem Teil seiner Geschöpfe VIP-Bonus verleiht ? Gar nicht, sagte ich mir, er musste einfach nur – der politischen Korrektheit wegen – einen solchen Unsinn von sich geben.

Diese Stelle wird mir als eine von vielen nach dieser Woche in den USA lange in Erinnerung bleiben.

Neben allen Übertreibungen – wie die Gier der Wall Street, die Aushöhlung institutioneller Kontrollen und die wuchernde Korruption – ist auch die Arroganz ein großes Problem der USA. Der Hochmut steht dabei in fast völligem Gegensatz zu dem, was das Land derzeit repräsentiert: Eine hoch verschuldete Führungsmacht, der das Kapital, die Anerkennung und die Glaubwürdigkeit abhanden kommen.

Wie sehr die Erosion den USA allein im Bildungssektor – geschweige denn bei öffentlicher Infrastruktur und Innovationen – zusetzt, das machte Drummond in dem besagten Radio-Interview deutlich: Das Bildungsministerium, 1965 eingerichtet, hat seitdem 3.500 Mrd. Dollar für die Ausbildung amerikanischer Schüler ausgegeben. Doch im Vergleich zum Jahr seiner Gründung brechen jetzt mehr Schüler früh-zeitig die High School ab.

Mehr noch, in einschlägigen Tests schneiden die Schüler auch schlechter ab als damals. In internationalen Vergleichstests wie der „Third International Mathematics and Science Study“ (TIMSS) rangieren amerikanische Viertklässler nur an 12. Stelle vor Kanada und Israel, in der achten Klasse an 28. Stelle vor Schottland und Litauen, in der 12. Klasse nur noch vor Zypern und Südafrika.

Das ist das Land – mit Schulden wie Griechenland und einer Korruption wie in Indonesien – das der überraschend zaghafte und den Lobbyisten ausgelieferte Barack Obama wieder auf die Gleise setzen soll ?

Zu meinen Beobachtungen in dieser Woche in den Bundesstaaten Washington und Oregon gehört, dass seit meinem letzten Besuch vor etwas über einem Jahr der PKW-Fuhrpark wieder kleiner geworden ist. Die Zahl der brummenden Hummer, der röhrenden Ford Trucks und der an Raumschiffe erinnernden Minivans nimmt ab. Hohe Benzinpreise und schmale Portmonnaies hinterlassen immer mehr Spuren. Das sagen und ja auch die Statistiker, die stagnierende Volkseinkommen und steigende Ersparnisse melden, was die Konsumausgaben stark limitiert und die Erholung abwürgt. Die US-Autofahrer müssten derzeit 14 Millionen Fahrzeuge pro Jahr kaufen, um alle ausrangierten PKW zu ersetzen. Doch hoch gerechnet von der jüngsten Monatsstatistik kaufen sie 2010 lediglich 11 Millionen. Das nennt man den Gürtel enger schnallen. Die neue Auto-Abstinenz grassiert selbst vor dem Hintergund rekordniedriger Kreditzinsen sowie kaum zu überbietender Kampfpreise und anderer Lockangebote.

Selbst vor dem Hintergrund dass Oregon keiner der reicheren Bundesstaaten der USA ist, kam mir diesmal die Immobiliensubstanz noch ausgehöhlter vor als bei den vorangegangenen Besuchen. Viele Häuser waren in schäbigem Zustand, nicht nur weil Farbe blätterte und die in Nordamerika übliche Bausubstanz Holz früher Spuren der Alterung zeigt. Mehr als 4 Millionen Amerikaner besitzen „ihr“ Haus nicht einmal zur Hälfte, mehr als 50% gehören der Bank. Diese Menschen sind finanziell mit einem Nasenloch unter Wasser. Investiert man da noch kräftig in Schönheitsreparaturen ? Ich habe keinen Hinweis darauf gesehen.

Bei diversen Besuchen in den Outlet-Malls entlang der Pazifikküste fielen mir die vielen „For Sale“-Zeichen auf, von denen es in den USA – wie in Kanada, wo ich lebe – immer unglaublich viele gegeben hat. Aber 40-50% Rabatt auf den ursprünglichen Ladenpreis Plus weitere 20% Nachlass für die „Back to School-Sales, das hat diesmal Preise ermöglicht, für die mir der US-Einzelhandel beinahe Leid tut. T-Shirts für 5-6 Dollar, Kinderschuhe für 10 Dollar bei Wal-Mart, das kann sich in Europa keine Mutter vorstellen, wenn sie mit ihren Kids einkaufen geht. Hier wird klar wie schwer es geworden ist, die über 20 Millionen Amerikaner die keinen Job haben oder suchen – und die vielen anderen genauso – in die Malls zu locken.

Welcher Aderlass den amerikanischen Malls angesichts steigender Ersparnisbildung sowie fulminanter Marktumwälzungen erst noch bevorsteht, macht die Ankündigung des Buchgiganten Barnes & Noble deutlich. Die nach eigenen Angaben weltweit größte Buchkette gab am Dienstag einen möglichen Verkauf bekannt. Das Unternehmen, vor zwei Jahren noch über 2 Mrd. Dollar an der Börse wert, kann jetzt für 900 Mio. Dollar erworben werden, weil es den Siegeszug der E-Books verpasste. Amazon, das bereits mehr elektronische Bücher als in gebundener Form verkauft, steigerte in dieser Zeit seine Marktkapitalisierung von 3,5 Mrd. auf 55 Mrd. Dollar.

Wenn Barnes & Noble mit seinen 777 US-Läden – und Konkurrenten wie Borders – an die Wand fahren, wird das für die schwindsüchtigen Belegungsraten der US-Malls – und damit für den gewerblichen Immobiliensektor – schlimme zusätzliche Folgen haben.

Die USA, so musste ich diesmal feststellen, sind nicht nur wirtschaftlich in sehr schwieriges Fahrwasser geraten.

Sie sind auch dabei, sich im Rest der Welt immer weniger Freunde zu machen. Bei dieser jüngsten Grenzüberquerung von Kanada in die USA musste ich am Übergang in Blaine – südlich von Vancouver – alle Finger scannen lassen, bisher waren es nur der Daumen und der Zeigefinger beider Hände. Die Pässe konnten wir diesmal nicht selbst vom abgestellten Auto mit in die Zollhalle nehmen, wir mussten sie dem „CBP Officer“, vor dessen Zollhäuschen wir am Grenzstreifen kurz anhalten mussten, über-geben, damit dieser sie selbst mit in die Halle nahm.

War das Angst, dass wir Gas geben und in die USA abhauen ? Nach mehr als einem Dutzend Besuchen in dem Land und mehr Informationen über mich im Homeland Security-Computer als sie meine eigene Mutter auswendig aufsagen könnte ? Wann fangen eigentlich die US-Zöllner an, ihre Return-Customers – die regelmäßig Geld ins Land bringen und dabei keiner Fliege ein Leid antun – so zu behandeln wie ein guter Einzelhändler ?

Hier die Ergebnisse aus dem jüngsten TIMSS-Vergleich:

Die Stimmung in der Abfertigungshalle der US-Immigration war so frostig wie seit jedem Besuch nach 9/11. Der Bummelstreik der Zöllner war so ausladend, wie man es sich vorstellen kann, am Rande einer Provokation. So, als würde man darauf warten, wer von den Visa-Antragstellern zuerst ausrastet. Unser Pass-Officer verlor auf dem Weg von seinem Zöllner-Häuschen in die 20 Meter entfernte Abfertigungs-halle, wo wir die üblichen Formulare ausfüllen und das Eintrittsgeld zahlen mussten, dann noch den kanadischen Pass meines jüngsten Sohnes.

Nach ein paar Jahren lässt sich das noch nicht sagen, aber über eine längere Strecke wird diese para-noide Behandlung von Besuchern negative Rückwirkungen auf das Land haben, zu einer Zeit, zu der der internationale Wettkampf um die besten Köpfe schärfer wird und zu der die bislang ins Land strömenden asiatischen Studenten – die früher die Doktoranden-Kurse der US-Unis dominierten – bessere Alternativen in China, Singapur, Australien und Hong Kong finden.

Ich habe es mir seit meinem ersten 1-jährigen Aufenthalt in den USA 1987 – als ich für Dick Cheney im House Republican Policy Committee arbeitete – angewöhnt, das Land nie zu unterschätzen, wegen seiner immensen Erneuerungskraft.

Doch diesmal beginne ich zu zweifeln, ob die moralische, wirtschaftliche und auch politische Erosion den USA einen starken Neubeginn noch erlauben.

In meinem Blog www.blog.markusgaertner.com habe ich den Text noch um einige Videos ergänzt. 

Schreibe einen Kommentar