Ohne Schulden läuft nichts

Am verlängerten Wochenende ein Buch lesen können ist auch in Zeiten von WEB 2.0, Bloggophilie und Twittermania für mich immer noch ein Hochgenuss – wenn das Buch was taugt: „Ohne Schulden läuft nichts“ von Thomas Strobl ist ein solches Buch, das ich Ihnen unbedingt ans Herz legen möchte. Nicht, weil ich privat oder geschäftlich so ein Schuldenfan wäre – ganz im Gegenteil: wer mich kennt, weiß daß ich – inzwischen – heilfroh bin, wenn ich darum möglichst einen weiten Bogen machen kann – und es im übrigen durchaus kritisch sehe, wenn unsere Hauptschuldenbarone alias „Politiker“ mit unserem Geld nur so um sich werfen, idealerweise für zockende Großbanken und deren sogenannte systemrelevante Großanleger, statt endlich in dringend notwendige Infrastrukturmaßnahmen wie Ausbau der Verkehrswege auf Schiene und Straße, Hochgeschwindigkeitsdatennetze oder neue Energietrassen zu investieren – um auf diese Weise das derzeit ja angeblich grassierende Wachstum zumindest doch nachhaltig abzusichern.

Wie der Titel des Buches bereits ankündigt, geht es darum, daß der moderne Finanzkapitalismus unserer Prägung ohne ein ausgefeiltes Schuldensystem überhaupt kein Wachstum schaffen könnte. Denn in einer reinen Tauschwirtschaft – Motto: 5 Kilo Kartoffeln gegen 5 Kilo Eier – könne ja auch kein Mehrwert entstehen. Daß eine solch provokative These in den Tagen der Extremverschuldung von Staaten sogleich den pawlowschen Beißreflex der klassischen Medien triggert (die ja von der jüngsten Finanzkrise wie wir alle vollständig überrascht waren) lässt sich z.B. an diesem Interview mit dem „Weissgarnix“-Blogger Strobl mit dem WDR nachhören – der flüchtige Hörer mag die Fragen des WDR-Reporters für berechtigt halten. Wer das Buch dagegen aufmerksam gelesen hat, weiß, daß Strobl hier in keiner Weise der exzessiven Staatsverschuldung das Wort redet, sondern auf sehr erfrischende und damit erhellende Weise einen Erklärungsansatz für unser heutigees Wirtschaftssystem liefert, wie ihn in dieser Deutlichkeit kaum je ein Ökonom unserer Tage einer breiteren Öffentlichkeit  präsentiert hätte.

Denn – sine ira et studio: Strobl beschreibt, wie unser gesamtes Wirtschaften überhaupt immer darauf fußt, daß einer – der Entrepreneur bzw. Unternehmer – sich verschuldet, um im Idealfall klug zu investieren. Diese Verschuldung allerdings wird immer und gnadenlos (für den Unternehmer) fällig zum späteren Termin – die wegen der Verzinsung aber angewachsene Schuld lässt sich nur bedienen, wenn das Kalkül des Unternehmers aufgeht, daß er durch die Investition deutlich mehr an Gewinn erzielt. Das alleine ist nicht unbedingt neu, allerdings schließt Strobl den Kreis doch auf verblüffende Weise, weil er deutlich macht, daß jeder von uns ja für sein Geld, seine Ersparnisse, auch wiederum möglichst viel zurück bekommen möchte – und diese daher wiederum „investiert“, anlegt, und sei es in Renten oder Lebensversicherungen oder Aktien dieses Unternehmens, wie auch immer. Und weil hierzulande – bzw. im gesamten Westen – so unglaubliche Reichtümer angehäuft sind, suchen diese Reichtümer im schönen Kapitalismus auch permanent nach neuen Möglichkeiten, noch besser angelegt zu werden, um wiederum Mehrwert zu bringen.

Abgekürzt: Des einen Verschuldung ist des anderen Gewinn, den dieser andere wiederum für neue Verschuldung eines anderen „investiert“, in der Hoffnung darauf, morgen einen „Mehrwert“ zurückzubekommen. Weil das aber alle so machen, und Unternehmen schon deshalb investieren, weil sie sich im Wettbewerb mit anderen befinden, um also „im Rennen zu bleiben“, brauchen sie Kredite – und wenn einer dann auf die Idee kommt, dem anderen keinen solchen „Kredit“ mehr auszubezahlen, weil er nicht mehr an die Zukunft glaubt, dann rennen wir alle los wie die Lemminge und stürzen uns kollektiv in den Sparwut-Kreditklemm-Abgrund.

Dann heißt es plötzlich nicht mehr „Taler, Taler, Du musst wandern“, sondern: Kein frisches Geld, kein Einkommen, damit keine weiteren Ausgaben (Investitionen) möglich, Absturz, Baisse, Niedergang und Stillstand. Andersherum: Wenn alle zahlen, investieren und an die Zukunft glauben, ernährt sich die Hausse von selbst.

Es ist Strobls Verdienst, diese im Grunde einfach zu verstehende Tatsache in aller Deutlichkeit neu herausgearbeitet zu haben: Unser Wirtschaften funktioniert – in der Gesamtheit – nur, wenn sich viele verschulden und viele dafür Geld ausgeben, daß sie an die Zukunft und Gewinnerwartungen jeweils vieler Schuldner – nicht aller –  glauben. Erst dann lässt sich überhaupt so etwas wie eine Wachstumsspirale in Gang setzen. – Die immer nach oben geht? Eben nicht, weiß Strobl zu verdeutlichen, denn in einem solchen System ist wegen der unabweisbaren Fälligkeit jedes Kredits ein Absturz immer wieder neu: systemimmanent. Daß die versammelte Ökonomenzunft einen solchen Absturz weltweit nicht auf dem Radarschirm hatte, mag dem einen beängstigend erscheinen, dem anderen Anlass zum Spott geben. Ich fand den Querverweis auf den Truthahn lehrreich, der 1000 Tage lang gemästet jeden Tag seine Wahrnehmung bestätigt findet – um dann am Thanksgivingday den Erkenntnisschock zu erleiden, im Bratofen zu landen. Soviel zu „Experten“, die nicht sehen konnten, was, laut Strobl, systemimmanent war: Zum Kapitalismus und zur Wachstumserwartung gehört der Absturz und die Krise als wesentlicher Bestandteil. Und: Vorsicht ist bei all jenen Experten geboten, die immer nur davon sprechen, daß der Markt „stabil“ sei, weil alle daran glauben.

Soll man sich aber deshalb von den Experten abwenden? Kann man es jemandem verdenken, daß er – wie alle – versucht, auf fahrende Züge aufzuspringen, die ins Land unglaublicher Gewinne fahren? Wenn ich Strobl richtig verstehe: Man darf Experten hören, ja, jedoch, sich klarzumachen, daß die Blasen platzen können, in die man investiert hat, um selbst möglichst „viel davon zu haben“, schadet nicht. „Zahlen und fröhlich sein“, so ein Zockerwort – in diesem Sinne: Viel Spaß bei der Auswahl Ihres nächsten Anlageprodukts 😉

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