Kann Griechenland noch vor dem Staatsbankrott gerettet werden?

Das hängt davon ab.  Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Darum ist es viel sinnvoller, zu durchdenken, an was man glauben muss, damit Griechenland einen Staatsbankrott abwenden kann. Und um sich zu verdeutlichen, woran man glauben muss, hilft eine Modellierung der notwendigen Annahmen (Details dazu hier).

Wovon hängt es ab, ob Griechenland seine Schulden noch zahlen kann?

Im wesentlichen und stark aggregiert hängt die Wahrscheinlichkeit des Staatsbankrotts von drei Faktoren ab:

  1. Den Zins, den Griechenland für seine Schulden auf dem Kapitalmarkt zahlen muss, da dies ein enormer Kostenblock ist, der sich kaum verändern läßt
  2. Wie stark die Wachstumseinbußen sind, die durch diese Konsolidierung verursacht werden
  3. Wie schnell und in welchem Ausmass Griechenland es schafft, sein Haushaltsdefizit zu verringern

Die Ausgangssituation der griechischen Haushaltsökonomie ist gleichermaßen bekannt wie verheerend. Die Staatsverschuldung liegt bei 115,1% des BIP, das Haushaltsdefizit bei 13,6% des BIP und das BIP ist in 2009 um 2,6% zurückgegangen und in Q1/2010 um 2,3% (Quelle: Eurostat).

Was muss man glauben?

Zinsen: Der aktuelle Zins auf 1ßjährige griechische Staatsanleihen ist ungefähr 7,5%. Die zukünftige Entwicklung hängt im wesentlichen vom Vertrauen in die griechische Konsolidierung ab und ist somit ein gewisser Zirkelschluss. Da EU, IWF und EZB gewillt sind, alles zu unternehmen, um den Bankrott zu verhindern, nehme ich mal an, dass sich dieser Zins bis 2016 bei 6% einpendeln wird. Angesichts der aktuellen Höhe und der verbreiteten Skepsis auf den Märkten eine eher optimistische Annahme.

Wirtschaftswachstum: Soll das langfristige Staatsschulden/BIP-Ratio konstant bleiben, darf sich Griechenland nur ein Haushaltsdefizit in Höhe der Wachstumsrate erlauben. Darum nehme ich wiederum optimistischerweise an, dass sich das Wachstum von aktuell -2,6% graduell bis 2016 auf 3% p.a. steigern lassen wird. Dies ist insbesondere deshalb fast schon übertrieben optimistisch, weil das aktuell notwendige Konsolidierungsprogramm negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben dürfte, ich aber in jedem Jahr eine kontinuierliche Verbesserung annehme.

Haushaltskonsolidierung: Bei den Annahmen über Zinsen, Wachstum und der notwendigen Haushaltskonsolidierung hat sich die das Schulden/BIP-Ratio bis 2016 auf 170% erhöht (Details dazu hier). Bei 6% Zinsen auf diese Staatsschuld zahlt Griechenland in 2016 dafür gut 10% seines BIP (davon übrigens deutlich mehr als die Hälfte davon ans Ausland!). Um das Haushaltsdefizit auf -3% zu reduzieren, muss Griechenland somit ein Haushaltsüberschuß vor Zinsen von 7% vom BIP erreichen. Nimmt man an, dass Griechenland heute 5% Zinsen zahlt, ergibt sich heute ein Haushaltsdefizit vor Zinsen von knapp 8% vom BIP. Griechenland muss sein Haushaltsdefizit vor Zinsen somit von heute -8% des BIP auf +7% des BIP in 2016 steigern!

Fazit

Derartige Sparanstrengungen sind eine Herkulesaufgabe sondergleichen. Nur zum Vergleich: das gesamte Steueraufkommen von Deutschland – und auch der USA – liegt bei gut 20% (näheres hier). Griechenland muss es also in den nächsten Jahren schaffen, durch Einsparungen und Steuererhöhungen 3/4 unseres gesamten Steueraufkommens zusätzlich zu erwirtschaften. Und dabei habe ich schon durchgehend sehr optimistische Annahmen verwendet. Und vor allem ist dann erst mal nur das Verhältnis Schulden zum BIP stabilisiert (bei 170%!), zum Abbau der Schulden sind weitere Einsparungen notwendig.

Vielleicht doch noch schnell griechische CDS kaufen?

Dieser Artikel erschien zuerst bei EconBusinessGermany.

There are 3 comments for this article
  1. Eric Schreyer at 09:02

    Hallo Herr Dr. Flasbarth,

    zu 1.:

    Ich würde nicht pauschal vom „Finanzsektor“ sprechen. In Deutschland sind etwa 2.300 selbständige Banken zugelassen. Davon 2/3 „brave“ Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen. Daneben beschäftigen sich einige Privatbankiers mit der Verwaltung bedeutender Privatvermögen. Diese sehr eng mit der „Realwirtschaft“ ihrer jeweiligen Regionen verbundenen Kreditinstitute (dies im besten Wortsinne), die in der Regel von Personen des öffentlichen Lebens in der Funktion von Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräten gut kontrolliert werden, sind gewiss nur mit kleinen Beträgen in griechischen Staatsanleihen engagiert. Als international vernetzte Universalbanken haben wir bloß noch die Deutsche Bank und die HypoVereinsbank (Unicredit). Beide Institute verfügen über ein ausgezeichnetes Risikomanagement; zumindest bei der Deutschen Bank weiß ich es aus eigener fast 20-jähriger Erfahrung. Auch hier ist bezüglich Griechenland nichts zu befürchten.

    In riskanten Staatsanleihen über die Maßen engagiert sind von Landespolitikern instrumentalisierte Landesbanken ohne vernünftige Geschäftsmodelle, die mittels negativer Selektion hohe Renditen erzielen wollen; außerdem dienen sie nicht selten als Plattform für geltungssüchtige Lokalgrößen.

    Schließlich haben wir noch die sattsam bekannte HRE und die COMMERZBANK.

    LANDESBANKEN, HRE und COMMERZBANK vereinigen den größten Teil deutscher „Griechenlandrisiken“ auf sich. Ein kleiner „Rettungsknirps“ hätte deshalb gereicht. Vor allem muss man dort die Managementprobleme (Anreizprobleme)sofort und nachhaltig angehen.

    Alle anderen Institute hätten den Stresstest einer sofortigen Umschuldung griechischer Verbindlichkeiten gut bestanden.

    Zu 2.:

    Verhandlungstaktische Gründe stützen ihre Aussage und erscheinen durchaus sinnvoll: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.

    Zu 3.:

    Sie haben recht.

    Liebe Grüße
    Eric Schreyer

    P.S.: Aus zeitlichen Gründen war mir eine schnellere Erwiderung leider nicht möglich.

  2. EconBusinessGermany at 13:24

    Hallo Herr Schreyer,

    ja, das sehe ich auch ganz ähnlich. Allerdings macht es m.E. aus mindestens drei Gründen Sinn, den aktuellen Hilfsplan einer derartigen Entschuldung vorausgehen zu lassen:

    1. Durch einen solche Schuldenerlass zum jetztigen Zeitpunkt hätte der Finazsektor in Deutschland, aber auch in Frankreich und anderen EU-Staaten enorme Lasten zu tragen, die z.T. existenzbedrohend sein können, zumindest aber die Kreditvergabe signifikant einschränken würden. Alleine deutsche Banken und Versicherungen halten rund 30 € Mrd. an girechischen Staatsschulden. Leider, leider ist es unausweichlich, diese Schulden teilweise zu sozialisieren, bevor man sie den Griechen erlässt.

    2. Es macht durchaus Sinn, den Griechen Zeit zu geben, ihre Haushaltssituation zu stabilisieren, also das Defizit vor Zinsen auf mind. 0 zurückzufahren, bevor man ihnen die Schulden erlässt.

    3. Um Ansteckungen in anderen hochdefizitären und hochverschuldeten Staaten zu verhindern, bedarf es analog zu 2. ebenfalls Zeit, damit diese ihre Haushaltssituation hinreichend verbessern können.

    Lieeb Grüße
    EconBusinessGermnany

  3. Eric Schreyer at 12:09

    Zur Wiedererlangung der Stabilität bleibt nur ein Ausweg: Eine Entschuldung um etwa 150 Milliarden € !

    s. auch:

    http://valuation-in-germany.blogspot.com/2010/04/heute-beginnt-die-griechische-finanz.html

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