Hohe Kurse, leere Mägen, düstere Warnungen

Vergesst 2012, vergesst die Inflation und die Deflation, vergesst auch den möglichen Börsencrash. Was uns in den kommenden Jahren die größten Sorgen bereiten wird, sind die Nahrungsmittel und deren Preise. Während die Wall Street darauf vertraut, dass Monsieur Bernanke auch dieses Problem lösen wird – und die Chinesen in gewohnter Manier es ebenfalls irgendwie richten werden – naht sich ein unheilvolles Datum, das weitaus mehr als nur unsere geliebten Börsenkurse und das Wohl von Firmen und Arbeitsplätzen betreffen wird: Hunger, Unterernährung, Food-Inflation, wie wir sie noch nie gesehen haben.

Am 13. Februar wird Thomas Robert Malthus 245 Jahre alt. Der britische Nationalökonom und Sozialphilosoph ist uns allen für seine Kernthese bekannt: Der Menschheit werden die Vorräte irgendwann nicht mehr ausreichen. Bis heute hat er nicht Recht gehabt. Und manche sagen, er wird auch nie Recht bekommen.

Mein Gefühl sagt mir, bei 80 Mio. Menschen mehr auf diesem Planeten jedes Jahr, plus Klimakapriolen, plus Flächenverbrauch für Wohnhäuser, wird der verfügbare Boden zum kultivieren von Weizen, Kartoffeln Knoblauch und Kopfsalat immer weniger werden. Auch bessere Düngemittel können das absehbare Defizit zwischen Angebot und Nachfrage nicht eliminieren. Wenn Öl erst bei 150 Dollar je Barrel angekommen ist und darüber hinaus weiter ansteigt, macht der Transport von Agrarprodukten auf einigen Strecken keinen Sinn mehr und wird dann auch für einige Einfuhrländer zu teuer.

Der Druck auf die Menschheit wird gewaltig werden. Bis in 15 Jahren haben die meisten Länder Geburtenbeschränkungen wie China eingeführt, auch wenn uns allen das Gruseln dabei überkommt (ich habe drei Kinder, fürs Protokoll, um mich von eventuellen Vorwürfen frei zu halten). Statt Emissions-rechten werden dann Geburtenrechte gehandelt. Und wenn die Wall Street so weitermacht, wird daraus eine ganz neue Assetklasse. Und wenn wir alle so weitermachen wie bisher, wird jeder zwar darüber meckern, aber nicht auf die Straße gehen.

Dass die Nahrung – und damit auch das Wasser, weil die Agrarwirtschaft der größte Verbraucher ist – das Schlüsselproblem der Menschheit wird, geht auch aus einer Rede hervor, die am Dienstag Unilever-CEO Paul Polman halten wird. Der britische Telegraph hat sich offenbar vorab das Manuskript besorgt.

Der Bericht im Telegraph löst bei mir richtig Gänsehaut aus, selbst wenn der Unilever-Chef sicher auch höhere Preise im Sinn hat, wenn er für den direkten Info-Konsum der Kapitalmärkte schroffe Knappheiten zu Protokoll gibt. Demnach wird Polman nicht nur die europäischen Agrarsubventionen attackieren, das wäre allein fast keine Schlagzeile mehr. Er wird sagen, wie im Telegraph-Interview, dass die Nahrungsmittelproduktion eine „Gefahrenzone“ erreicht hat und die Nachfrage das Angebot zu überholen droht.

Im Klartext: Zu Peak Oil gesellt sich jetzt das Problem Peak Steak, Peak Kartoffeln, Tomaten und Getreide hinzu. Wir erleben erst die Anfänge davon indem wir sehen, wie steigende Preise das Budget der 5 Mrd. Menschen zertrampeln, die weniger als 3.000 Dollar im Jahr verdienen. Als nächstes sind wir selbst dran, weil die steigenden Preise zu internationalen Konflikten und Kämpfen führen werden.

Polman kritisiert laut dem Telegraph, dass Spekulanten die Preise hochtreiben und damit vielen Menschen, die ein würdiges Leben führen wollen, eben dieses Leben schwer machen. Er erzählt, dass sein Unternehmen wegen des Klimawandels prüft, ob es weiterhin in Südeuropa Tomaten anbauen kann (Unilever kauft 6% des weltweiten Angebots für seine Knorr-Suppen und andere Produkte). Polman greift auch anhaltende Agrar-Subventionen in Europa und Biokraftstoff-Subventionen in den USA an.

Als Chef eines der größten Nahrungsmittelproduzenten der Welt haben seine Worte Gewicht, der Mann kennt den Markt über den er redet.

Mosambik, Algerien und Tunesien sind die jüngsten Beispiele für Unruhen, die zumindest zum Teil etwas mit steigenden Preisen für Nahrungsmittel zu tun haben. 2008, als die Preise zum vorerst letzten Mal so eskalierten, gab es Unruhen in 30 Ländern. Schon jetzt brodelt es in vielen Ländern: Russland hat Getreideexporte bis zur nächsten Ernte ausgesetzt; Südkorea und die Philippinen haben Einfuhrpreise auf einige Nahrungsmittel suspendiert, um die Preise zu dämpfen; einige chinesische Städte haben bereits die angedrohten Preiskontrollen eingeführt; Sri Lanka hat im Dezember Reis aus der strategischen Reserve frei gegeben und Preisobergrenzen wieder eingeführt; im Nahen Osten und im Norden von Afrika haben einige Länder die Subventionen hochgefahren. In Argentinien droht derweil die Neuauflage eines Konflikts zwischen Bauern, Exporteuren und Regierung um Mais, Weizen und Sojabohnen, der 2008 kräftig zur Eskalation der globalen Preise beitrug.

Wenn, wie jüngst in Indien, Zwiebelpreise binnen einer Woche um 80% steigen, können ganz schnell Umstürze drohen. Die Washington Post hat sich am Samstag gründlich mit dem Themenkomplex befasst, hier geht es zu dem Artikel.

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