Die Welt der deutschsprachigen Wirtschaftsblogs Anfang 2011 (mit Mindmap)

Es ist Zeit, einmal wieder auf die Welt der deutschsprachigen Wirtschaftsblogs zu schauen und hier das Update der Mindmap zu posten. Zum Jahresanfang verzeichnete die Mindmap des Blick Logs 165 Blogs in deutscher Sprache, die sich mit den verschiedensten Themen rund um die Wirtschaft befassen. Vor knapp einem Jahr beinhaltete die Übersicht nicht einmal 100 Blogs.

Neuer Boom der Wirtschaftsblogs?

Stehen wir also vor einem neuen Boom der Blogs mit Wirtschaftsthemen? Leider nein, denn weiterhin werden die meisten Blogs, soweit das ersichtlich ist, privat und nebenbei betrieben. Professionelle Blogs, die hierzulande die Standardwirtschaftsberichterstattung im Stile etwa der US Blogs Zero Hedge, Businessinsider oder Credit Writedowns aufmischen könnten sind weit und breit leider nicht auszumachen.

Dabei empfinde ich die Qualität vieler Blogbeiträge, gemessen an meinen persönlichen Erwartungen an ein anspruchsvolles Lesevergnügen, als ausgesprochen hoch. Die deutschsprachigen Wirtschaftsblogs haben in vielen ihrer Beiträgen weniger ein Qualitätsproblem als ein Wahrnehmungsproblem. Sie erreichen nicht die Masse der Leser, die sie sich eigentlich verdient hätten und werden von den etablierten Medien weitestgehend ignoriert.

Gleichwohl lässt sich die Szene dadurch nicht entmutigen und misst die eigene Bedeutung nicht an der Resonanz öffentlicher Wahrnehmung. Immerhin lesen viele Vertreter der Medienzunft in Wirtschaftsblogs (siehe dazu diese Untersuchung), um Anregungen für Themen zu erhalten und Hintergründe zu recherchieren. Warum sie dennoch Blogs nicht ab und zu einmal zitieren, weiß nur der Abendwind.

Deutscher Renommiert-Komplex

Es könnte gar an dem typisch deutschen “Renommiert-Komplex” liegen, der fast täglich bei der Zeitungslektüre auffällt. Man zitiert gern “renommierte Quellen”, “anerkannte Fachleute”, “ausgewiesene Experten” oder “prominente Kenner”. Wenn man nicht durch Zufall, die Bild, die FAZ (dazu Knüwers lesenswerter Beitrag: Wie Frank Schirrmacher sich seine Experten aufbläst) oder ein anderes Leitmedium dazu “gemacht” wird, dann hat man es schwer, diesen Status zu erreichen. Sich auf einen Wirtschaftsblog zu berufen, ist in Deutschland (noch?) nicht angesagt. Von der in den USA zu beobachtende sich gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsblogs und Medien ist hier leider weit und breit nichts zu sehen (die Ausnahme Weissgarnix bestätigt die Regel).

Ich bleibe dennoch bei meiner Auffassung, dass die inhaltliche Qualität vieler nationaler und internationaler Blogs mittlerweile ausgesprochen hoch ist. Möglicherweise liegt aber aber genau darin die Ursache des Wahrnehmungsproblems der Wirtschaftsblogs. Viele schreiben nicht in leicht konsumierbaren Häppchen, sondern holen manchen schwer verdaulichen Brocken an die Oberfläche und bohren an vielen Stellen deutlich tiefer als dies etablierte Medien tun, die meist auch Nichtfachleute adressieren müssen.

Und was macht jetzt einen guten Wirtschaftsblog aus?

Eigentlich wollte ich dieser Frage ausweichen, fand aber den Beitrag ohne einen Streifzug zur Qualität unvollständig. Objektiv lässt sich die Frage kaum beantworten, daher kann ich hier nur meine persönlichen Geschmacksnerven sprechen lassen.

Ich mag Blogbeiträge, wenn sie kein Copy und Paste anderer Medien sind und entweder neue Themen hervorholen, bekannte Sachverhalte neu belichten oder eine kritische Position zum Mainstream einnehmen. Häufig freue ich mich schon, wenn bestehende News mit zusätzlichen Hintergrundinformationen und Links auf Primärquellen versehen sind (übrigens weiter eine große Schwäche der etablierten Medien) oder sie über Themen berichten, die bisher nicht den Weg in deutsche (Online-) Medien gefunden haben.

Natürlich finden Kritiker, wie in jedem Medium, viele qualitativ schlechte Beiträge in der Blogszene. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Wie bei Autos, Banken, klassischen Medienseiten oder Politikern, gibt es halt auch Wirtschaftsblogbeiträge unterschiedlichste Qualitäten.

Professionelles Wissen Teilen ist nicht angesagt

Abschließend noch eine Auffälligkeit, für die ich noch keine so rechte Erklärung habe. In Deutschland mangelt es weiterhin an einer Kultur, Wissen mit anderen zu teilen. Berufsprofis halten sich in der ganz überwiegenden Mehrheit zurück und schreiben nicht für Blogs. Das ist eigentlich schade, denn gerade zu vielen professionellen Wirtschaftsthemen wünsche ich mir einen viel intensiveren Austausch mit der Netz-Community.

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