Bilanzen, Blödsinn und Bernanke

Ich habe heute morgen die jüngsten Quartalszahlen der kanadischen Banken für die Börsenzeitung kommentiert. Dabei wurde mir einmal mehr klar, wie verworren und manipuliert unsere Wahrnehmung geworden ist. Ergebnisse von Publikumsfirmen werden nicht mehr am Vorquartal gemessen, oder am selben Zeitraum des Vorjahres, sondern an den Prognosen, die Analysten gestellt haben, jene Analysten, die zuvor von den Investor Relations-Leuten in jenen Firmen gefüttert wurden, die sie nun bewerten sollen.

Im Klartext: Um die wirtschaftliche Leistung eines Unternehmens abzubilden, betrachten wir nicht mehr einfach den Zeitverlauf der Kennziffern im Lichte des Marktumfeldes. Nein, wir überlassen die Vermessung der Performance einer kleinen, manipulierten Gilde. Die wird von den Unternehmen kräftig massiert, und natürlich schön zu Ausflügen eingeladen. Währenddessen sitzen ungezählte Journalisten in ihren Newsräumen und Korrespondenten-Büros und wiederkäuen dieselben Zahlen, weil Dienstreisen zu teuer geworden sind.

Dieser Stubenhocker-Journalismus endet dann damit – Verzeihung für den etwas lokalen und nicht in der Finanzwelt angesiedelten Vergleich – dass die Lokalreporter der Vancouver Sun an meinem „Dienstort“ plötzlich „hören“, dass die oberen sieben von elf Stockwerken des Rathauses der Stadt seit einem Jahr leerstehen, während die Engineering-Abteilung sich für 48 Mill. Dollar in ein externes Gebäude eingemietet hat. Wo haben die eigentlich die ganze Zeit „recherchiert“, wenn keiner von ihnen 12 Monate lang im Rathaus über den vierten Stock hinauskam ?

Dass Beobachtungen leicht verfügbar sind, aber in Mogelpackungen verkleidet oder durch sträfliche Nachlässigtkeit überhaupt nicht an die Leser weiter gereicht werden, haben wir auch in der Finanzwelt, beziehungsweise im Finanzjournalismus, oft genug beobachtet. Als ich Anfang 1997 meinen Job als Finanzkorrespondent der ARD in Frankfurt aufgab um auf eigene Faust nach Südostasien umzusiedeln und das Geheimrezept der wachstumswütigen Tigerstaaten zu ergründen, fand ich ein Kartenhaus vor. Acht Wochen bevor Thailand am 1. Juli 1997 schlagartig den Baht abwertete und damit die asiatische Finanzkrise einleitete – wir waren erst zwei Monate im Land – bot ich der ARD Berichte über das heraufziehende Gewitter an.

Niemand wollte ein Stück haben. Keine Nachrichtenagentur hatte darüber berichtet, also war es noch kein Thema. Es hatte auch kein aufgeregter Analyst in den Newsräumen in Deutschland angerufen. Und die gesamte ARD hatte in Südostasien nur einen fest angestellten Korrespondenten sitzen, das war ein Politikjournalist. Freunde in den Redaktionen des Bayerischen Rundfunks erzählten mir später, dass man in den Redaktionskonferenzen in großer Runde herzlich lachte, als Markus Gärtner von Kuala Lumpur aus Berichte über eine nahende Katastrophe anbot. Nach dem Motto: Jetzt ist er frei dort unten tätig und muss die Nachrichten „ein bisschen aufbocken“, um Aufträge zu bekommen.

Kurz darauf krachte es. Der Rest ist bekannt.

Seitdem – und auch davor – hat meine Zunft viele Finanzkatastrophen nicht kommen sehen. Auch die jetzige nicht, da sie ja kein Fed-Chairman, keine Nachrichtenagentur und kein Analyst annoncierte.

Warum schauen wir nicht öfter hinter den Zaun ?

Das hat vor allem damit zu tun, wie wir – und damit komme ich zum Ausgangspunkt – mit Zahlen umgehen. Wir lassen uns von Ämtern, Investmentbanken und Lobbyorganisationen wie Verbänden mieses Zahlenmaterial andrehen und nehmen es für bare Münze. Wir haben auch keine Zeit, tiefer in dicken Quartals- und Jahresberichten zu graben. Das habe ich erst richtig gemerkt, als ich anfing diesen Blog aufzubauen und Themen zu recherchieren, für die Zeitungen keine Zeit haben.

Weitere Beispiele: Wir alle kauen regelmäßig die Konsum- und Einzelhandelszahlen aus den USA wieder, vor allem die „Same Store Sales“, die den privaten Konsum in jenen Läden und Supermärkten messen, die es seit mindestens einem Jahr gibt. Das suggeriert verlässliche Zahlenreihen. Richtig ? Blödsinn ! Diese Betrachtungsweise berücksichtigt nämlich nur jene Umsätze im Einzelhandel, die in den noch existierenden Läden getätigt werden. Natürlich sind das mehr als vor einem Jahr, wenn inzwischen einige andere Läden – die damit aus der Statistik herausfallen – von den Kunden nicht mehr frequentiert werden.

Genauso lassen wir uns von der Fed einfach die M3-Zahlen stehlen, die wichtige Aufschlüsse über die wirtschaftliche Aktivität erlauben. Genauso schlucken wir regelmäßig „annualisierte“ – also geglättete – Zahlen, die einfach schöner aussehen sollen als die nackten und oft unappetitlichen Monatszahlen. Genauso nehmen wir auch – manchmal mit Murren – Inflationszahlen hin, obwohl die von allen genutzte Messlatte CPI – Kerninflation – wichtige Ausgabenposten der privaten Haushalte gar nicht enthält. Nahrung, Energie, Immobilienpreise und Wertpapiere werden völlig unzulänglich oder gar nicht abgebildet.

Als ich kurz nach der Währungsumstellung auf den Euro ein Interview mit dem damaligen Chefvolkswirt der Deutsche Bank – Norbert Walter (der hier auch schon geschrieben hat) – führte, hatten wir ein Streitgespräch über die meiner Ansicht nach versteckte Inflation, die mich damals sehr aufregte. Walter legte mir mit „seinen“ Statistiken dar, dass ich völlig danebenlag. Er räumte aber ein, dass seine Frau ihm immer nach dem Einkaufen eine Vorlesung über die erneut gestiegenen Preise hielt.

… es war doch eine Bubble.

Sehr oft betrügen wir uns auch mit verquerem Denken selbst. So wie heute Bloomberg bei der Meldung über die revidierte Quartalszahl für das Vierteljahr bis Juni. Es ging um das BIP-Wachstum in den USA, ursprünglich mit 2,4% gemeldet, jetzt auf 1,6% nach unten revidiert. Eine ziemlich deprimierende Korrektur, wie ich finde. Doch Bloomberg meldete, „das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich im zweiten Quartal weniger als erwartet“. Wow, so leicht macht man daraus eine positive Nachricht.

Als Oberpriester der Verdrehung und Volkspropaganda entpuppen sich dabei immer wieder Fedchef Ben Bernanke und Finanzminister Timothy Geithner. Geithner sieht die US-Wirtschaft „auf dem Wege der Erholung“. „Nein, da sind wir nicht“, schrieb ihm dafür Nobelpreisträger Paul Krugman am Donnerstag per New York Times-Kommentar ins Protokoll.

Krugman greift in dem Meinungsstück – Titel: „Dies ist keine Erholung“ – beherzt in die Tasten: „Warum überziehen Leute, die es besser wissen müssen, die ökonomische Realität mit einem Zuckerguss ?“. Krugman macht sich in dem lesenswerten Stück auch über die Diskussion zum „Double Dip“ lustig: „Wird das BIP infolge eines Double Dip wirklich schrumpfen ? Wen interessiert das ? Wenn die Arbeitslosigkeit für den Rest des Jahres zunimmt, was wahrscheinlich ist, dann ist es doch völlig egal, ob die BIP-Zahlen leicht im Plus oder leicht im Minus sind“.

Und Bennyboy hielt am Freitag seine viel beachtete Rede in Jackson Hole, dem Shangri-La für Noten-banker aus aller Welt: Schöne Berge, herrliche Golfplätze, dicke Steaks und viele brave Wirtschaftsjournalisten, die begierig zuhören. Das Wirtschaftswachstum, so ließ sich Bernanke in Wyoming vernehmen, sei „in der jüngsten Zeit irgendwie etwas weniger lebhaft“. Besser hätte das kein chinesischer Propaganda-Minister verdrehen können. Der Unterschied ist: Alle Chinesen wissen, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Viele Finanzmedien und deren Leser im Westen sind ahnungslos oder zumindest schwer von Verdrängung geplagt.

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