Zeit, in die Berge zu flüchten ?

25. August 2010
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Meteorologen kennen das Phänomen: Am Anfang sehen sie den nahenden Wirbelsturm als kleinen wabernden Fleck auf ihrem Monitor – zarte Hinweise, dass sich da etwas zusammenbraut. Dann wächst das Ding plötzlich, türmt sich auf wie ein Atompilz. Schließlich wird die Erscheinung real und zieht vom Horizont heran wie eine Walze: Riesig, bedrohlich, überdimensioniert – eine schwarze Wand. Am Ende rollt das Ungetüm wie eine biblische Welle alles platt, was sich in den Weg zu stellen wagt.

Am Börsenhorizont baut sich derzeit in den Augen vieler Beobachter so ein Monster auf.

Der US-Starblogger Philip Davis beschäftigte sich zu Wochenbeginn mit der Flucht der Anleger in den Bondmarkt und zeigte eine Karikatur, in der ein am Blasebalg pumpender Notenbanker in die Kugel schaut, die er gerade aufgebläht hat: “Erst die Anleihen, dann der Dollar”, flüstert er furchterfüllt, “und dann – aus Verzweiflung – eine neue Weltordnung”.

Ganz klar, was mit der Karikatur gemeint ist: Erst der kollabierende Bondmarkt, dann der Infarkt des Dollars werden alles hinwegfegen und schließlich einen Neuanfang erlauben. Im selben Blog, Seeking Alpha, fragt Andrew Butter “ist es Zeit, in die Berge zu flüchten ?”.

Konfusion, Ratlosigkeit, Angstpsychosen: Sie sind 16 Monate nach dem Börsentief vom März 2009 mit voller Wucht zurück. Und das, obwohl (noch) keine Banken gerettet und keine Autofirmen gestützt werden müssen. Für manche ist der jetzige Zustand aber sogar schlimmer: Denn sie wissen nicht, was als nächstes kommt. Es ist die große, beklemmende und nagende Ungewissheit. Börsianer zehrt so etwas auf. Erst ihre Rendite, dann ihre Seele.

Es sei eine “frustrierende Zeit” für Aktienanleger, befindet James Mackintosh in der Financial Times. In der USA Today beschreibt derweil Rick Newman, “wie man eine Zombie-Wirtschaft überlebt“.

Schon der Einstieg in den Bericht, in dem Newman das Gespenst einer “Japanifizierung” der US-Wirtschaft beschreibt, spricht Bände über den Abgrund, der sich vor dem geistigen Auge vieler Anleger und professioneller Beobachter der Kapitalmärkte auftut: “Stell´ Dir vor, die US-Wirtschaft wächst bis 2030 nur jeweils 1% pro Jahr. Der DOW fällt währenddessen um 60% auf unter 4.000 Punkte. Der Durchschnittspreis für unsere Häuser halbiert sich derweil.” Das ist ein Gefühl wie es einer hat, der im Traum ohne Schirm aus dem Flugzeug fällt.

Das sind fast apokalyptische Phantasien, Zombiegespinste wie im Gruselkino. Doch sie kommen immer häufiger.

“Was wenn ?”, schreibt der Blogger Steve Reitmeister, und denkt laut nach über das “Planen für einen unvorhersehbaren Markt”. Natürlich geht das per Definition gar nicht.

Laut Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz müssen die vorherrschenden Theorien mit neuen Stellschrauben versehen werden.

Dabei beschreibt Reitmeister drei mögliche Szenarien und stellt für mich vielsagend das Armageddon-Szenario voran: “Was, wenn das eine Bärenrally war und wir noch weitere 30-50% fallen ?”. Allein die Frage wäre vor kurzem – im allgemeinen Green Shoots-Rausch als ketzerisch und weltfremd abgetan worden. Jetzt ist sie Mainstream-Albtraum.

Da klingt es fast schon harmlos, wenn die Nachrichtenagentur Associated Press die allgemeine Flucht in Anleihen und die zugrunde liegende Angst als “Investors Malaise” bezeichnet. Doch kann das nur eine Malaise sein, wenn sogar einer der berühmtesten Hedgefonds-Manager (Stan Druckenmiller) das Hand-tuch wirft ? Wenn Ben Bernanke eine “ungewöhnliche Unsicherheit” ausmacht ? Und wenn Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz einräumen müssen, dass selbst die besten ökonomischen Denkmodelle derzeit einfach versagen und wir neue brauchen ?

Im Visier verunsicherter Anleger: Die nächste Blase – für viele ist es der Bondmarkt.

Wenn die Best and Brightest der Wirtschaftswelt schon beklagen, dass plötzlich die Kompassnadel zittert und schwankt, was sollen wir dann sagen, einfache, nur grob informierte Anleger ?

Dass ein und dieselbe Börse die gleiche Wirtschaftswelt völlig unterschiedlich interpretiert, sagt doch eigentlich schon alles. Glaubt man dem Bondmarkt, wo die Zinsen fallen wie die Kegel bei der Bowling-Weltmeisterschaft, dann rast die globale Wirtschaft auf ein Kliff zu.

Neue Ansätze sind gefragt. Schwierige Zeiten verlangen unkonventionelle Ideen:

Sieht man dagegen die starrsinnigen Aktienindizes der Wall Street, fühlt man sich von verrückt gewordenen Alarmisten umgeben. Die gleichen Leute, die beherzt in Bonds investieren um ihr Geld zu retten, haben plötzliche eine rosa Brille auf, wenn sie zum Ordern ein paar Schritte weiter an den Aktienschalter gehen ?

Ja, was nun ? – Keiner weiß es. Das ist das eigentlich Beunruhigende.

Wir alle navigieren derzeit wie portugiesische und spanische Seefahrer zu Beginn der Neuzeit bei der Umsegelung Afrikas, als sie fürchteten, beim Kap Bojador (arabisch Abu Khatar = Vater der Gefahr) westlich von Afrika von der Erdplatte runter zu fallen.

Willkommen in der ära u
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