Ausgerechnet die SĂśDDEUTSCHE ZEITUNG, die sonst gerne auf WEB-Publisher schimpft, beauftragt eine Schweizer Social-Media-Korruptionsagentur damit, Blogger fĂĽr positive Postings ĂĽber die neue iPhone-App der SZ zu bestechen. Ein einzelner Blogger – Jan TiĂźler, Upload-Magazin, lässt die Geschichte auffliegen, und immerhin: SZ wie “Social-Media-Lobhudelei-Agentur” ziehen sofort den Schwanz ein und rudern heftig zurĂĽck, die ertappte Agentur hat nichts Blöderes zu tun, als auf ihrer Seite auch noch alle “Fehler” zu dokumentieren, um sich mit solchem MĂĽll auch noch als Förderer der Transparenz zu gerieren – ohne dabei allerdings den Preis zu veröffentlichen, mit dem Freier SĂĽddeutsche sich derlei Liebesdienste der Blognutten erkaufen wollte. Peinlich, peinlich? Wir wĂĽrden ja gerne erfahren, wieviel es der SZ wert war, die Ă–ffentlichkeit auf diese Weise fĂĽr dumm zu verkaufen.
Der Vorfall zeigt darĂĽber hinaus aber exemplarisch (wie ja auch schon die Bestechungsaffäre der BAHN) , welche enorme Bedeutung es fĂĽr Unternehmen heute hat, authentisch, transparent und vor allem aufrichtig mit dem Publikum (im Netz) zu kommunizieren: Die alte Regel: Wer einmal lĂĽgt, dem glaubt man nicht .. – bekommt angesichts der Turbo-Kanäle Twitter, Facebook und enormer Vernetzung auch einzelner, eher “unbedeutender” Blogger ein gänzlich neues Gewicht. Und die immerschonzumHimmelstinkende “PR- und Marketing”-Klamotte Ă la “Hunz. und Kinz”, (sogenannte) Journalisten und Meinungsmacher zu bestechen oder zu bedrohen, kann sich im Zeitalter des WEB 2.0 mit wunderbarer Lichtgeschwindigkeit zum Rohrkrepierer entwickeln.
Jan TiĂźler beschreibt heute im Medienhandbuch auf sehr beeindruckende Weise Einzelheiten, wie die SZ und ihre WEB-2.0-Zuhälter versuchen, nach selbstverursachter Rufschädigung auch noch so zu tun, als seien sie die Erfinder der neuen Ehrlichkeit. Das liest sich so – und ist vor allem deshalb spannend, weil die Beachtung der Tipps von Jan TiĂźler jedem CEO, Aufsichtsrat und Unternehmer dringend anempfohlen werden darf:
“Am 18. Januar, kurz nach 7.00 Uhr, ging mein Artikel ĂĽber die Ausschreibung auf upload-magazin.de online. Kurz nach 13.00 Uhr am selben Tag war die Kampagne bereits abgebrochen und das Geschäftsverhältnis zwischen Trigami und sueddeutsche.de beendet. Nur eine handvoll der eingekauften Blog-Lobeshymnen sind ĂĽberhaupt jemals erschienen.
366 Nachrichten auf Twitter und 30 Posts in Blogs allein als Reaktionen auf meinen Beitrag verzeichnet der Nachrichtenaggregator Rivva.de. Der GroĂźteil davon erschien am Vormittag des 18. Januar. Und selbst das ist nur ein kleiner Ausschnitt, denn auch die Folgeberichte auf Blogs und anderen Websites bis hin zu groĂźen Fachportalen erzeugten entsprechend weitere Aufmerksamkeit.
Welche Erkenntnisse kann man aus dem Geschehen ableiten?
1. Themen entwickeln im Netz heute ein enormes Tempo. Simple und schnelle Dienste wie Twitter wirken dabei wie ein Turbo. Hier potenziert sich die Leserschaft einer Information so schnell, dass es einem geradezu die Sprache verschlagen kann.
2. Steht man dabei selbst im Mittelpunkt einer negativen Berichterstattung, muss man sehr schnell, offen und konsequent reagieren. Das hat in diesem Fall Trigami getan, als GeschäftsfĂĽhrer Remo Uherek in einem ausfĂĽhrlichen Kommentar unter dem Beitrag alle Schuld auf sich nahm und die missglĂĽckte Kampagne zum internen “Kommunikations-Fehler” erklärte. Damit war das Thema noch nicht vom Tisch, aber es uferte nicht mehr aus. Wer in einer solchen Situation nicht reagiert oder gar den Angriff als beste Verteidigung ansieht, vervielfacht den Schaden dagegen.
3. Jeder hat heute die Möglichkeit, eine Debatte anzustoĂźen. Meine Seite ist auf den ersten Blick klein, denn ihre Zugriffszahlen sind im Vergleich zu Schwergewichten wie sueddeutsche.de minimal. Auf den zweiten Blick stellt man fest, dass ihre “potenzielle Reichweite” sehr viel höher ist. Denn UPLOAD hat Leser, die ihrerseits wieder viele Leser haben, die sich ebenfalls aktiv im Netz bewegen. Gab es diesen Effekt durch das Aufkommen der Blogs schon vor Jahren zu beobachten, hat er sich durch weitere Kanäle wie Twitter und Social Networks spĂĽrbar verstärkt. Mehr Menschen als je zuvor verbreiten heute Informationen und Meinungen.
Eines ist bei alldem klar: Im gleichen MaĂź, wie diese spezielle Kampagne schiefgelaufen ist, kann eine andere Kampagne zum durchschlagenden Erfolg werden. Erkaufen kann man sich solche Erfolge allerdings nicht.”
Jan TiĂźler ist Redaktionsleiter Online beim t3n Magazin in Hannover (t3n.de) und Macher von upload-magazin.de


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