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Selbstorganisation hat nichts mit Selbstmanagement zu tun!

5. Dezember 2010
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Der Begriff der Selbstorganisation wird mit verschiedenen Bedeutungen verwendet. Viele Leute verstehen unter Selbstorganisation auch Selbstmanagement oder Selbstbestimmung. Dann wird Selbstorganisation so quasi zum Gegenteil von hierarchischer Führung. Z.B. schreibt Stefan Hagen im PM-Blog:

Management sollte in jedem Fall anstreben, dass es obsolet wird und dass die Managementfunktion von den Mitgliedern des Systems wahrgenommen (= Selbstorganisation)1

Und ein Kommentar zu diesem Blog-Eintrag schreibt:

Selbst-Organisation hat immer etwas mit den Aufbau von Hierachien zu tun

und meint damit ganz eindeutig autoritäre Hierarchien, in denen ein Individuum oder eine Gruppe den Ton angibt. Wenn eine Gruppe von Individuen mit einer Aufgabe sich selbst überlassen ist, dann wird ein oder zwei der Individuen die Initiative ergreifen und die Gruppe führen. Das hat aber nichts mit der Selbstorganisation zu tun, die die Theorie der dynamischen Systeme kennt.

In einem (sozialen) System ist nie alles exakt und steril. Es gibt stets kleine Abweichung und Ungenauigkeiten, die aber vom System automatisch korrigiert werden. Ist die Abweichung von der Art, dass jemand etwas Neues versucht oder gar gegen Bestehndes protestiert, wird es vom System zunächst unterdrückt. Das kennen alle, die beruflich mit sozialen Systemen zu tun haben. Neues wird z.B. mit der Bemerkung abgetan Das haben wir noch nie so gemacht; das kann bei uns nicht funktionieren In diesem Fall kann meist auch eine Hierarchie nichts tun. Man holt externe Changeberater und hofft, dass diese die Mitarbeiter von der Notwendigkeit einer Veränderung überzeugen.

Refomationsbestrebungen, die aus der Gesellschaft kommen, werden zunächst mundtot gemacht, später mit der Polizei nieder geknüppelt. Manchmal können die Abweichungen und Störungen jedoch so stark werden, dass sie “durchzudringen” vermögen. Die Hierarchie hat sie nicht mehr im Griff (z.B. Berlin 1989). Während Veränderungen von der Hierarchie manchmal nicht durchgesetzt werden können, kann sie andere Male nicht verhindern, dass Veränderungen geschehen, die sie nicht beabsichtigt hat2.

Das ist Selbstorganisation. Auch die einzelnen Individuuen können nichts dafür. Einzelne Individuuen können bloss kleine “Störungen” erzeugen und versuchen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, diese zu erweitern. Sie können dabei höchstens in ihrem nächsten Beziehungsnetz Nachahmer finden und hoffen, dass diese auch ihr Beziehungsnetz “anstecken”, usw. Wenn die Störung schlummernde Hoffnungen weckt, kann sie sich instantan auf das ganze System ausbreiten. Man spricht von einer Mode. Die meisten Menschen denken beim Begriff Mode nur an Kleidermode. Das ist in der Tat ein gutes Beispiel, aber es ist lange nicht die einzige Mode.

Kleidermode wird natürlich nicht von Modeschöpfern gemacht. Sie wird von allen Leuten gemacht, ohne dass sie sich absprechen.

Das ist Selbstorganisation. In der Theorie der Selbstorganisation sagt man, dass eine Mode das System “versklave”. Der Begriff ist ziemlich unglücklich, aber er hat sich eben nun mal so eingebürgert. Er ist zur einer Mode geworden, die die Theorie der Selbstorganisation versklavt…. Wir sehen, dass z.B. auch ein Familienunternehmen mit einem starken Patron der Selbstorganisation unterworfen sein kann. Wenn der Patron etwas bestimmt, das sofort umgesetzt werden muss, dann hat das nichts mit Selbstorganisation zu tun, da sind sich wohl alle einig. Aber wenn die Werte und das Denken aller Beteiligten – Belegschaft und Patron – langsam in eine Ecke driften, in welcher alle spüren, dass etwas geschehen muss, und der Patron daraufhin die Initiative wahrnimmt, dann kann das Selbstorganisation sein, obwohl “es” befohlen wurde. Die neue Denke ist zur Mode geworden, die das System, inklusive Patron, versklavt hat.

Ich würde mir wünschen, dass alle, die über Selbstorganisation sprechen, mindestens einmal das Bierspiel gespielt und dabei die Kraft einer Mode verspürt haben, die durch das individuelle Bestreben aller Mitspieler erzeugt wurde.

Der Originalartikel erschien im Blog für Komplexitätsmanagement in Projekten und Unternehmen.

1Stefan Hagen, Selbstorganisation – Chance oder Illusion?. PM-Blog, März 2010
2Peter Addor. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Liebig Verlag. Frauenfeld 2010

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One Response to “ Selbstorganisation hat nichts mit Selbstmanagement zu tun! ”

  1. Thomas Schneider on 6. Dezember 2010 at 11:47

    Guten Tag,

    sorry, den Begriff der Versklavung finden Sie nicht in der Theorie der Selbstorganisation sondern in der der SYNERGETIK, und die ist eindeutig von Hermann Haken. (Der nennt es erst in den späten Auflagen seines diesbez. Hauptwerkes Selbstorganisation – vielleicht gefällt ihm der Begriff einfach besser…). Mal ansehen? http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Haken_(Physiker)

    Es sind 2 Begriffe von Selbstorganisation auf der Straße: Man könnte sie sofort und ganz einfach unterscheiden wenn sich alle an die selbe Schreibweise hielten:
    Zunächst getrennt geschrieben, “Selbst-Organisation” als direkter sozialer Begriff für die Techniken des Selbst-Managements, also bis hin zum Aufräumen von Keller und Schreibtisch. Taucht oft in form von Ratgebern und Therapien auf.

    Dann der Begriff “der Selbstorganisation” (SO), zusammen geschrieben, als Begriff aus der Kybernetik, also der Steuerung, die funktionelle Zusammenhänge (technisch + humanwissenschaftlich) in form von Systemen beschreibt. Der Begriff ist in unserem Kulturkreis zum ersten Male richtig bei I. Kant aufgefallen, der ihn aber im Grund als Synonym verwendete für “das noch genauer zu Erforschende”.

    Richtig bekannt und populär wurde SO jedoch durch Heinz von Förster, t 2002, (http://www.univie.ac.at/heinz-von-foerster-archive/ … oder mal bei den Anwendern hineinschauen: http://www.amazon.de/Die-erfundene-Wirklichkeit-wissen-glauben/dp/3492247423/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1291630907&sr=8-1).
    Er beschreibt die Besonderheit sog. Lebender Systeme – und natürlich damit auch Unternehmer, Leitende und Angestellte. Ganz wesentlich dafür war die Klärung, was dabei eigentlich das Gehirn, bzw. der Kopf macht. (Den Part übernahm ein Neuro-Biologe H. Maturana: http://www.amazon.de/Baum-Erkenntnis-biologischen-menschlichen-Erkennens/dp/359617855X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1291631137&sr=1-1). Das Lebende System ist eine stabile sich selbst erhaltende Dynamik. Nehmen Sie das einfachste Gleichgewicht das man so kennt: Balken-Waage oder Wippe. Dann gehen Sie eine Stufe weiter: Die Entropie, in der klassischen Form aus der Physik. Kennen wir praktisch von allen technischen Einrichtungen und Maschinen. Alle Druck-/Pump– alle fließenden, alle elektrotechnischen Anlagen und ein Haufen Astro-Physikalisches basieren auf Entropie– Berechnung + Engineering.

    Das Lebende System, und damit die Theorien der SO gehen noch einmal einen solche Schritt weiter: ein sich selbst ausgleichender Prozess (Fachbegriff: Homöostat) der sich mittels Austausch seiner Struktur-Elemente selbst in seiner Organisation erhält. Klingt wild kennt aber jeder: Gesundheit/Ausgeglichenheit/ein sich selbst reparierender Körper. Dieses Ding unterscheidet in Sprache, Physik und Synergetik-Theorien u.v.m. – und Sie gucken vermutlich gerade durch die Augen eines solchen Systems.
    Das bringt eine andere Art der Beschreibung von Kommunikation zwischen Leuten, und im weiteren Sinne auch über Verhalten. In der Psychologie findet man diese Ansätze am besten in der Familien-Therapie.

    Interessant wird die Sache für den gemeinen Manager wenn er hört, dass die Hochschule in St. Gallen seit langem mit ihrem Ansatz versucht, die Grundsätze der SO zu berücksichtigen. Die Arbeiten von Försters wurden in den 1970ern hier bekannt, und seit den 1980ern gibt es Unternehmensberater die ihre Ansätze „systemisch“ nennen und sich dabei mal mehr mal weniger auf die SO beziehen. Eine sehr spezifische und formal anspruchsvolle Berücksichtigung der SO-Konzepte findet man in den Arbeiten des Soziologen Niklas Luhmann (t 1998).

    SYNERGETIK und SO sind also etwas sehr Verschiedenes!
    Das eine beschreibt physikalische („synergetische“) Effekte in physikalischen Systemen,
    das andere ein lebendes System, welches Physik + physikalische Effekte beschreibt und anwendet – und einige davon kann es synergetisch nennen wenn es erforderlich ist. Daher dealt das eine mit versklavten Prozessen in technischen Situationen die man angucken kann, und das andere mit der Steuerung von Lebewesen: als „Steuerung von Steuerung“ (schließlich leben die ja schon und steuern sich schon selbst), im Original: „Cybernetics of Cybernetics“ in der Kybernetik, und „Coordination of actions of coordinations of actions“ in der Biologie.
    Und weil das einfach zu unhandlich war nennen wir‘s Selbstorganisation. … und es hat wirklich nichts mit Schreibtisch-Aufräumen zu tun, auch wenn das u.U. mal ganz praktisch sein kann.

    Noch ganz amüsant: Eine Zeit lang sah es so aus als würden beide Disziplinen, Synergetik und SO, einen Wettbewerb austragen wer das unglücklichste Logo in der Öffentlichkeitsarbeit benutzt: „Versklavung“ oder „Konstruktivismus“. Inzwischen haben sich fast alle Anhänger der SO mehr oder weniger öffentlich von “Konstruktivismus” distanciert. Da hat dann wohl die Synergetik mit “Versklavung” gewonnen.
    Tja.
    Hmmm…

    Herzlichen Glückwunsch noch!

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