Rheinischer Merkur: Flaggschiff gesunken

21. September 2010
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Ein ermatteter Chefredakteur Michael Rutz erläutert im Interview mit Deutschlandradio, warum die Deutsche Bischofskonferenz das “Flaggschiff” der katholischen Publizisitik in Deutschland an die links-“liberale” ZEIT verscherbelt, der Branchendienst kress meldet den Verkauf des Blattes, der aber kein Verkauf sein soll: Wörtlich heißt es da: “Verkauft wird das Blatt entgegen anderer Spekulationen – auch hier bei kress – und auch entgegen der Darstellung von Chefredakteur Rutz im Deutschlandradio aber nicht. Aus dem Umfeld des Verlags heißt es, die Gesellschafter des “Rheinischen Merkur” behielten Blatt samt Titelrechten. Die “Zeit” trete darum nicht als Käufer, sondern lediglich als Dienstleister auf, der allein seinen Mantel gegen ein nicht näher beziffertes Entgelt zur Verfügung stelle. Der “RM” als Beilage werde ausschließlich den bisherigen Abonnenten der katholischen Wochenzeitung – laut IVW sind es noch 36.363 – zugeschickt. Abonnenten und Kiosk-Käufer der “Zeit” bekommen die Beilage demnach nicht.”

Blickt man auf die internationale Zeitungslandschaft, die Ankündigung des New-York-Times-Verlegers Arthur Sulzberger Jr., die gedruckte Ausgabe des Renommierblattes bald einstellen zu wollen, mag man als echter Zeitungsfreund erschüttert oder irritiert sein – für Mitleid allerdings ist kein Platz. Es bleibt eine wirtschaftliche Tatsache, daß auch der Merkur defizitär war und Geld gekostet hat – statt welches einzubringen. Nun mag man von der Katholischen Kirche in Deutschland ja fordern, sie müsse ein solches Defizit aus publizistischen und sonstigen Gründen in Kauf nehmen – am Ende bleiben es doch die Kirchensteuerzahler, die derlei Defizite mittragen müssen, auch wenn sie den Merkur nie zur Hand genommen haben. Relevanz allein ist längst kein Grund mehr für ein so teures Unterfangen wie Druck und Vertrieb einer Zeitung, die gegenüber dem Medium Internet längst keinen Informationsvorsprung mehr bietet. Und in Zeiten, in denen Pfarrverbände immer mehr zusammenrücken müssen, weil das Geld an allen Ecken fehlt, ist solcher “Luxus” immer schwerer begründbar. So gesehen ist die Entscheidung der Bischofskonferenz wohl zu begrüßen. Daß es Redakteure und Journalisten trifft, die gewiss ihren Job verstanden haben, ist unschöner Nebeneffekt, aber branchenüblich. Soweit die Gegner der katholischen Kirche darin Grund zum Jubeln sehen, sei ihnen widersprochen – daß der Merkur ausgerechnet als Beilage an die ZEIT fallen soll, ist möglicherweise nicht das letzte Wort – die deutschen Bischöfe werden sich wohl überlegen müssen, ob sie mit ihrer Stimme nur noch im linksliberalen Milieu gehört werden wollen (bzw. sollen), und damit doch eher im, sagen wir: gegnerischen Lager?

Ein Beispiel für ein klares Hirtenwort würde ich den Vorgang jedenfalls nicht nennen: Die Kirche, der ich gerne angehöre, wäre vielleicht gut beraten, sowohl Publizistik als auch ihren Bildungsauftrag in Deutschland neu zu verorten. Blickt man auf das (auch: Kommunikations-)Desaster beim vieldiskutierten Kindesmissbrauch, das unglückliche Hantieren bei der Besetzung des Präsidentenstuhls der Katholischen Universität Eichstätt und jetzt den von manchem gewiss so empfundenen “Ausverkauf” der katholischen Publizistik” (warum eigentlich keine Kooperation mit der FAZ?) – die deutschen Bischöfe vermitteln derzeit mehrheitlich den Eindruck einer eher täppischen Truppe, die nicht recht weiß, woher der Wind weht. Gerade in Zeiten, in denen die Konfrontationen mit totalitären Glaubenssystemen wieder schärfer werden, es mehr denn je auch auf klare, aber nachvollziehbare Standpunkte ankäme, wirkt eine ökonomisch nachvollziehbare Entscheidung wie eine Entscheidung zur Unzeit – ohne klares Konzept für die Zukunft. Daß man “mehr auf’s Internet” setzen möchte, klingt da schon fast wie ein Hilferuf – zumal gerade die sich sonst so modern-geben-wollende Bischofskonferenz hier Lichtjahre hinter dem Vatikan selbst hinterherhinkt – der hat es längst verstanden, sogar einen eigenen Youtube-Channel einzurichten, um die Menschen zu erreichen, und Benedikt XVI hat soeben in England vorgemacht, was es heißt, unbeirrt von aller Gegnerschaft an seinen Grundsätzen festzuhalten. Das mißfällt, natürlich in diesem ach-so-aufgeklärten Land, vielen. Notwendiger denn je wäre es aber auch hier. So gesehen: Wenn eine Tür sich schließt, geht ja vielleicht eine neue auf?

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