Rent-a-Homeless – Sponsoren Sie doch mal einen Obdachlosen!

16. September 2010
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Manche Leute haben ja Ideen. Via Medientrainer-Blog, genauer die Twittermeldung von Lüder Brüggemann stoße ich heute auf dieses interessante Interview. Tenor: Wir rütteln mal wach – und zwar PC-Nutzer. Die Linzer Medientheorie-Studentin Nadja Pracher wollte im Rahmen ihrer Diplomarbeit herausfinden, wie die Netzgemeinde reagiert. Reaktionen: Von „menschenverachtend“ bis „Will ich buchen“. Mittlerweile hat die Diplomandin klargestellt: Alles nur ein Fake. Dazu gibt es inzwischen auch eine Facebook-Gruppe, eine XING-Gruppe diskutiert das Thema unter dem Rubrum „Werbeartikel“, naja, und eine Werbeagentur, die sich dem „Social Media Marketing“ verschrieben hat, wird dabei natürlich auch „gefeatured“, wie das in Medienkreisen heißt. Tenor: Die innovative, intelligente und integrante Werbeform. Interessant dabei: Was treibt eine Diplomandin dazu, ein solches Projekt via Social Media zu promoten, wenn sie, wie sie selbst im Interview sagt:“Die sozialen Netzwerke waren für mich unheimlich wichtig, da ich auf diese Weise kostenlos das Projekt bewerben konnte und fast ausschließlich darüber das Projekt verbreitete. Facebook beispielsweise stellte, nach Direktzugriffen und Google, die dritthäufigste Zugriffsquelle dar. Leider konnte ich aber in diesem Netzwerk nur exakt 2 Kommentare ausfindig machen, da die Diskussionen vermutlich hinter privaten Profilen passierten. Weil ich als angehende Sozialwissenschaftlerin und Medientheoretikerin praktisch nicht so versiert bin, bekam ich von Freunden einer Social Media Agentur Unterstützung.“ Na, klasse.

Um das Ganze mal auf den Punkt zu bringen: Ein paar Werbefuzzis finden die Idee „geil“, platzieren einen wie auch immer gearteten Schwachsinn im Netz, hübschen das optisch ein bißchen auf, ganz ähnlich wie die selten dämliche, weil schon technisch nicht wirklich ausgereifte Tipp-Ex-Kampagne „Shoot the Bear“, alle freuen sich über 7 Millionen Abrufe (schließlich können 7 Millionen Fliegen ja auch nicht irren ..) – und schon rennen alle hinterher, weil Masse ja immer auch Kasse bedeuten soll. Tut sie das wirklich? Die ganze Online-Werbewelt lebt schließlich davon, daß man soundsoviele Page-Impressions, Unique Visitors und andere „Kenn-„Zahlen `rauf und `runterbetet. Dabei ist es längst ein offenes Geheimnis in der Online-Veröffentlichungswelt, daß die wildesten Diskrepanzen bei diesen Zahlen hingenommen werden. Wer auf seine Serverdaten guckt, mit Software wie z.B. Omniture oder Google Analytics, der entdeckt ohnehin regelmäßig mehr „Traffic“, als von Fliegenbeinzählern wie comScore oder Nielsen ausgewiesen wird, weil diese regelmäßig kleinere Panel von Web-Nutzern hochrechnen, ähnlich den TV-Quoten. Kein Wunder, daß selbst bei denselben Beobachtungsobjekten ebendiese Fliegenbeinzähler auf völlig unterschiedliche Ergebnisse kommen, berichtet jetzt das Columbia Journalism Review-Blog. Again what learned? Nun, wenn Sie beim nächsten Mal mit Ihrer Werbeagentur sprechen: fragen Sie sie doch mal, ob Ihnen diese Zahlenunterschiede bewusst sind, bevor Sir irgendwelche ominösen Phantasiesummen für „Impressions“ berappen – wenn Sie sie schon nicht nach dem Return-on-Investment fragen möchten.

Doch zurück zu unserer Diplomandin, deren Idee ich ja nun nicht wirklich zerreissen will. Was daran ärgert, ist die groteske Unkenntnis in Sachen Social Media, auf die hier nicht nur gesetzt wird, sondern auch die Chuzpe, mit der sogenannte Social Media-Marketing-Agenturen (alleine das Wort ist eine contradictio in adiecto) völlig unbedarften Unternehmen das Geld aus dem Kreuz zu leiern versuchen, ja ich bin versucht zu sagen: in betrügerischer Absicht zu entwenden. Einverstanden, wenn es allein darum geht, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu gewinnen, dann ist dem Werber natürlich jedes Mittel recht. Ist das neu? Spätestens seit der Benetton-Kampagne mit blutigen T-Shirts zu Zeiten des Balkankriegs nicht wirklich. Tabubruch? Daß ich nicht lache. Als nächste „Idee“ schlage ich vor: Sarrazin inmitten einer Horde aufgebrachter muslimischer Pakistani zu fotografieren – bzw. zu montieren, denn zumuten möchte ich ihm das gewiss nicht. Motto: Maximale Aufmerksamkeit für Ihre Werbebotschaft. Buy me! Buy what? Ja was eigentlich. So gesehen erscheint mir diese Obdachlosen-Kampagne schon fast lügenialkohöllisch, weil sie auf simple Weise die Mechanismen unserer stupenden Aufmerksamkeitssyndroms enthüllt: Sind wir alle vielleicht nur noch durch gequirlten Schwachsinn zu wecken? Sind wir alle nur noch Zahlenzombies, die nur noch dann zu beeindrucken sind, wenn möglichst viele unserer Herde wie die Lemminge in eine Richtung laufen?

Wenn ich mir die öffentlichen (Schein-)Debatten und manch andere Debatte der schönen neuen Onlinewelt hierzulande so zu Gemüte führe, fällt mir der Leserbrief von Professor Dr. Peter Graf Kielmannsegg, Laudenbach, in der FAZ von heute ein, der schrieb: „Unter allen Äußerungen unserer Politiker zum Fall Sarrazin war wohl die törichteste die, dieser Fall habe mit dem Thema Freiheit der Meinungsäußerung nichts zu tun. So einfach lässt sich, was offensichtlich ist, nicht aus der Welt schaffen. Alexis de Tocqueville hat in seinem Buch über die Demokratie in Amerika schon vor 170 Jahren eindringlich klargemacht, dass die moderne Demokratie ganz neuartige Gefährdungen der Meinungsfreiheit mit sich bringt. Die Hauptwaffe, mit der Konformität erzwungen werde, sei die Stigmatisierung dessen, der unerwünschte Meinungen äußere. Stigmatisierung erkläre den, den sie trifft zum moralisch Aussätzigen,  bedrohe ihn mit vollständiger Isolierung; drastischer formuliert – und Tocqueville formuliert an dieser Stelle sehr drastisch: mit gesellschaftlichem Tod.“

Bevor Sie also jetzt wirklich darüber nachdenken, einen Obdachlosen zu sponsoren, indem sie einer Werbeagentur einen fünf- bis sechsstelligen Etat zuschieben: Wie wär’s mal mit ein  bißchen Einsatz für das, was in Social Media- und anderen gesellschaftlichen Debatten mehr und mehr fehlt: Authentizität und Bereitschaft, zuzuhören?! Und vielleicht, nur heute, ein einziges Mal, nicht mitzuwirken an der Stigmatisierung von wem auch immer – was umgekehrt bedeutet: Einmal wegzusehen von all dem Geschrei – um Nichts.

P.S.: Zur Frage, ob Viralität planbar ist:

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