Kritik zum Start des Weltwirtschaftsforums in Davos

26. Januar 2010
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Heute startet das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Bereits vergangene Woche hat der Blick Log aus verschiedenen Gründen angekündigt, das Forum in diesem Jahr zu ignorieren. Daran halte ich mich, schaue aber gleichwohl auf die Berichterstattung über die Veranstaltung. Und tatsächlich knüpfen viele Stimmen an die kritischen Kommentare des vergangenen Jahres an:

In die “Lobbyarbeit in Davos” betrachtet die ZEIT das Treffen kritisch und schreibt u.a.:

“An den fünf Tagen in Davos wird getanzt, geschwafelt, getrunken, getafelt, aber eine Agenda für die Welt gesetzt? Nachhaltige Beschlüsse gefasst? Die Welt regiert? Das wird hier nicht. Die Anregungen von Davos versanden zuverlässig im schneeweißen Nichts. Die Veranstaltung beginnt jeweils mit einem inhaltsleeren Motto (dieses Jahr: »Improve the State of the World: Rethink, Redesign, Rebuild«); und sie endet jeweils mit ebenso inhaltsleeren Communiqués und Schluss-Statements (letztes Jahr: »Die Führer in Davos versprechen Zusammenarbeit zur globalen Lösung der globalen Krise«; »Die USA sind bereit, die Führung im Kampf gegen den Klimawandel zu übernehmen«). An einem WEF-Konferenztag hört man kaum je einen überraschenden Satz, in den Workshops herrscht Floskelsprache, die ein- bis zweistündigen Veranstaltungen verbieten ohnehin jede Vertiefung, die Ergebnisse sind entsprechend absehbar, und im Grunde wird gar nicht erst verhehlt, worum es wirklich geht: um den SmallTalk mit anderen Personen derselben Einflussklasse. …

Inhaltlich erweist sich das ach so weltmächtige Economic Forum jedenfalls als recht konventionelle Angelegenheit, oder böser formuliert: Die Davos crowd präsentiert sich als Herde, die herrschenden Trends kaum weniger blind nachrennt als andere Menschengruppen auch.”

Auch die Welt sieht das “Stelldichein der Weltverbesserer in Davos” distanziert und zitiert Kritiker :

“Es ist diese etwas oberflächliche Politshow, die den Kritikern des Elitetreffens in den Alpen auf die Nerven geht. „Davos ist eine reine Zeitverschwendung“, sagt ein angelsächsischer Banker. Der CDU-Politiker Heiner Geißler nannte das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) sogar einen „Inzuchtbetrieb“, der mitverantwortlich sei für die Finanzkrise.”

Aus Welt-Online erfährt man außerdem die Teilnahmepreise: Firmen zahlen rund 30.600 Euro, jeder Platz beim Jahrestreffen in Davos kostet noch einmal rund 12.500 Euro (ohne Hotelkosten). Diejenigen, die etwa in Deutschland maßgeblich die Wirtschaftsleistung erzeugen, nämlich der Mittelstand und Familienunternehmen, werden bei diesen Preisen die Teilnahme natürlich verweigern, wenn sie dort nicht neue Geschäftskontakte knüpfen können.

Auch das Handelsblatt kann einen gewissen Zynismus nicht verbergen:

 

“Wenn sich die Weltelite alle Jahre wieder Ende Januar in Davos zum Weltwirtschaftsforum trifft, lässt sich der Gemütszustand unseres Planeten stets besonders gut ertasten. In den letzten Jahren standen die Analyse der globalen Finanzkrise und die kollektive Kapitulation vor den gigantischen Auswirkungen des Desasters im Mittelpunkt. Die Stimmung der intelligentesten und mächtigsten Besserwisser der Welt war am Boden zerstört, nachdem sie 2007 noch unglaublich euphorisch gewesen war. … Wir sollten uns nicht vormachen, dass es uns bessergeht, als es in Wahrheit der Fall ist. Diese neue Bescheidenheit würde auch den Davos-Besuchern guttun.”

Der Tagesanzeiger zitiert Bruce Nussbaum, Autor bei «Business Week», der dem WEF ein vernichtendes Zeugnis ausstellt und in dem Beitrag “The Death of Davos Man” sagt, warum er 2010 erstmals nicht mehr nach Davos reist:

«Der ‹Davos Man› hat nichts mehr zu sagen», schreibt Nussbaum in einem Leitartikel. Der vom bekannten US-Politologen Samuel Huntington erfundene Begriff des «Davos Man» steht laut Nussbaum für transnationale und marktliberale Leader der Finanz- und Geschäftswelt. Der «Davos Man» werde nächste Woche wieder eine grosse Bühne erhalten. Dies täusche aber nicht darüber hinweg, dass er sich im «Endstadium der Irrelevanz» befinde. «Der Tod des ‹Davos Man›, Davos ist tot», überschreibt Nussbaum seinen Beitrag. …

Die Globalisierung, so Nussbaum weiter, verbesserte das Leben von vielen Millionen Chinesen, sie führte aber zur Verelendung der Mittelklasse in den USA und zur Verschlechterung der Situation der Armen. Die Theorie der Markteffizienz in einem System des schrankenlosen Welthandels sei widerlegt worden. Es stimme nicht, dass alle Menschen von der Globalisierung profitieren würden.

Das Handelsblatt behandelt Davos ebenfalls:

“Das diesjährige Motto des World-Economic-Forums „Rethink, Redesign, Rebuild“ zeugt von großer Leere in den klügsten Köpfen auf dem Globus. Hatte man sich ein Jahr zuvor noch zum Ziel gesetzt, die Welt nach der Krise zu formen, geht man in diesem Jahr zwei Schritte zurück und will noch einmal von vorn beginnen. … Neu nachdenken muss die Elite auch über ihr Verhältnis zur Ethik. Nicht erst in der Finanzkrise ist vielen Managern der moralische Kompass abhanden gekommen. Schon in der Dotcom-Ära und während der Bilanzskandale rund um den US-Konzern Enron zeigte sich, dass das Berufsethos in der Wirtschaft vielerorts zum Fremdwort geworden ist. Erlaubt ist, was nicht verboten ist. …  Ohne eine neue Wirtschaftsethik verliert die Führungsschicht ihre gesellschaftliche Akzeptanz.”

Unterdessen wehrte sich der WEF Gründer Klaus Schwab im Tagesanzeiger gegen den Vorwurf, am WEF würden sich lediglich Spitzenverdiener gegenseitig feiern:

“Ich mache den Medien einen Vorwurf: Zum Jahrestreffen in Davos kommen 2500 Leute. Davon stammen 1200 aus Unternehmen, 300 sind Politiker. Rund 1000 Leute kommen aus andern Bereichen. Wer von der Presse kümmert sich um die 30 Sozialunternehmer, die ich nach Davos einlade? Niemand – ausser der Sozialunternehmer hat gerade einen Nobelpreis erhalten.“

Ich möchte von der Kritik am WEF tatsächlich seinen Gründer ausnehmen, denn ich denke, Klaus Schwab hat mit seinem Engagement dafür gesorgt, dass der am WEF teilnehmenden “Funktionselite” viele Probleme der Welt dort erst bewusst geworden sind. Das Versagen eines Teils der Manager muss sich Schwab, der unermüdlich für höhere Werte in der Wirtschaft eintritt (siehe z.B. diesen Beitrag für die Süddeutsche oder Interview in der SZ), persönlich nicht zurechnen lassen.

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