Jedes Unternehmen ist größer als es selbst

8. Februar 2010
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Die Matrix hat versagt – was nun? So lautet das Thema der von „Malik Management“ veranstalteten Strukturtagung am 05. März 2010.
Fragmentierung und globale Verteilung relevanten Wissens macht Kooperationsstrukturen in Unternehmen zunehmend vernetzt, filigran und dynamisch. Als externer Berater gewinnt man den Eindruck, dass die Führungsverantwortlichen immer häufiger den Überblick verlieren. In diesen Situationen wird versucht, komplex gewordene Strukturen in vordefinierte Ablaufschemata zu pressen, um sie „in den Griff“ zu bekommen. Höchst bedenklich ist, dass informelle Beziehungen durch diese Formalisierung unterdrückt werden. Die
in hierarchisch geführten Unternehmen tätigen Individuen sind und bleiben Funktionsträger: Jeder erfüllt seine Funktion so gut er kann und will, mehr nicht. Das Phänomen, wonach Individuen auf die Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgabe reduziert sind und es die Gesamtheit der reinen Funktionsträger ist, die das Unternehmen ausmacht, lässt sich in einem systemtheoretischen Zusammenhang kurz und treffend charakterisieren: Ein soziales System ist die Digitalisierung einer analogen Realität. Dabei bezeichnet „analoge Realität“ den Menschen in all seiner Potenzialität und Paradoxie. „Digitalisierung“ meint die Reduktion des komplexen Individuums auf die Erfüllung der ihm zugewiesenen Funktionen.

Systeme, insbesondere soziale Systeme, funktionieren auf zwei Ebenen: Der Ebene der Aktualität und der Ebene der Potenzialität. Aktualität umfasst die Summe der marginalen Teile des „Menschseins“, die im Unternehmen „funktionieren“. Funktionsträger werden eingestellt und entlassen, arbeiten mehr oder weniger isoliert innerhalb der Hierarchie des Unternehmens oder sind durch Projekte mit anderen Funktionsträgern vernetzt. Der Charakter ihrer Arbeitsleistungen hängt dabei wesentlich vom Kontext der Leistungserbringung ab.
Anders ausgedrückt: Jedes Individuum verfügt über funktionale Reserven, die es situationsabhängig einsetzen kann. Wenn sich soziale Systeme funktional differenzieren, müssen sie in jedem ihrer Subsysteme eine Potenz aufbauen, die es ermöglicht, dass eine bestimmte Funktion oder Institution des einen Subsystems gegebenenfalls Funktionen anderer Subsysteme mit übernehmen kann. Diese
Potenz muss also Virtualitäten, funktionale Reserven in sich bergen und muss sie aktualisieren, wenn andere Subsysteme nicht mehr in der Lage sind, einige ihrer führenden Funktionen effizient auszuüben. Dies ist ein systemtheoretisches Verständnis von so genannter „Redundanz“. Redundanz ist aber nicht „einfach da“, sie entsteht durch „Reproduktion“: Indem ein soziales System sich aktuell reproduziert, potenzialisiert es seine anderen Möglichkeiten und weist auf die zweite Ebene eines sozialen Systems, die der
Potenzialität.

Die Beziehung zwischen Aktualität und Potenzialität im System ist dialektisch.

Hierarchische Führungskonzepte machen Unternehmen und deren Bestandteile „kleiner“, „elementarer“, „eindeutiger“ als sie in Wirklichkeit sind. Sie digitalisieren die analoge Realität und unterschlagen damit die andere, die potenzielle „Hälfte“ des sozialen Systems. Diese Tatsache des „Digitalen“ täuscht darüber hinweg, dass ein Unternehmen stets über sich selbst hinausragt. Die Paradoxalität des Unternehmens als soziales System lässt sich als unlogischer Selbstbezug bezeichnen, wonach das Unternehmen größer ist als es selbst.: Es birgt viel mehr Potenzialitäten in sich als es Aktualitäten herausbilden kann. Dieses Mehr an Potenzialität wird in der Systemtheorie als „sozialer oder systemischer Überschuss“ bezeichnet. Mit Überschuss ist genau der Teil der sozialen „Materie“ gemeint, den das System potenzialisiert, um sich als System zu reproduzieren. Der Überschuss ist ein semantischer oder semiologischer in dem Sinne, dass kein
soziales Objekt vollkommen eindeutig sein kann. Es ist genau diese Mehrdeutigkeit, die systemische Potenziale zutage fördert und fruchtbar macht. Eine wesentliche Bedingung dafür ist Vertrauen zu den im Unternehmen tätigen Menschen. Woraus besteht diese „soziale Materie“? Aus einem unbestimmten und unbestimmbaren „Stoff“, der die Potenzialitätsreserven für das Unternehmen bereitstellt. Ein solcher Stoff ist der Mensch, das Individuum, die Kultur.

Dass das Unternehmen größer ist als es selbst, ist paradox. Zur Selbstreproduktion verfügt ein derartiges soziales System nur über paradoxe Strategien. Solche paradoxen Strategien werden „doppelte Strategien“ genannt, es können jedoch ebenso drei-, oder vierfache Strategien sein. Eine geläufige Form doppelter Strategie ist der Kompromiss. Im systemischen Verständnis ist er kein Ausgleich entgegengesetzter Handlungsalternativen, sondern ein „paradoxes Verhalten“. Im Kompromiss sind zwei Dimensionen im Spiel: Die
spezifische Dimension des Systems selbst und die Dimension seiner Überschreitung. Dabei geschieht die Überschreitung nicht am Rande des Systems, sondern in seinem Zentrum: Das System reproduziert sich, weil es sich zerstört, und zerstört sich, weil es sich reproduziert.

Im Kompromiss liegt ein Einverständnis und eine Bereitschaft, den Konflikt fortzusetzen, ihn aber gleichzeitig auf eine andere Ebene
zu heben. Ein Beispiel für einen systemtheoretischen Kompromiss ist die Verstaatlichung der HRE Hypo Real Estate. Sie hat die Form einer gleichzeitigen Selbstkonsolidierung und Selbstüberschreitung des Kapitalismus. War die HRE kleiner als sie selbst? Das ist wohl ein anderes Phänomen.

Das Problem funktional, hierarchisch oder auch matrix – orientierter Managementkonzeptionen besteht darin, dass sie das Entdeckungs- und Schöpfungsinstrument der Redundanz nicht nutzen und damit den im Unternehmen tätigen Menschen auch nicht in all seiner Vielschichtigkeit (Potenzialität) respektieren. Dieser immer noch weit verbreitete Führungsfehler ist nicht nur betriebswirtschaftlich verantwortungslos, sondern auch inhuman.

(Dieser Beitrag basiert auf Barel, Yves: Le paradoxe et le syteme: Essai sur le fantastique social, 2. erweiterte Auflage, Grenoble 1989, kommentiert in : Schlüsselwerke der Systemtheorie, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005)

Den Blog des Autors Eric Schreyer finden Sie unter Valuation-in-Germany.

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2 Responses to “ Jedes Unternehmen ist größer als es selbst ”

  1. Stefan Hagen on 15. Februar 2010 at 20:54

    Lieber Eric,

    Gratulation zu diesem sehr guten Artikel! Inhaltlich anspruchsvoll aber hochspannend.

    Wenn ich mal gedanklich einige Führungskräfte durchgehe, denen man in der Praxis über den weg läuft, so wären diese wahrscheinlich nach dem ersten Absatz ausgestiegen. Nicht (nur), weil sie nicht das intellektuelle Potenzial hätten, um die Inhalte zu verstehen. Allerdings werden systemtheoretische Ansätze in der Praxis häufig noch negiert, weil sie als “zu theoretisch” oder “zu kompliziert” gelten.

    Klar ist, dass zwischen einer Theorie und der Praxis immer Menschen stehen müssen, die es verstehen, theoretische Prinzipien und Konzepte in die Praxis zu übersetzen. Genau hier sehe ich einen Engpass. Denn wir haben zu wenig “Übersetzer/innen”.

    Noch ein letzter Gedanke: Die Maxime der praxisgeleiteten Theoriebildung aus der empirischen Sozialforschung kann auch umgekehrt werden, nämlich in die “theoriegeleitete Praxis”. Wir brauchen mehr davon.

    Viele Grüße, Stefan

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