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Indien punktet gegen China

10. Februar 2010
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Der “Elefant” holt in der Krise gegen China auf                            

Vancouver, 10. Februar 2010

Indiens Volkswirtschaft, die drittgrößte in Asien, schaltet zum Ausgang der Großen Rezession frühzeitig einen höheren Wachstumsgang ein. Das zentrale Statistikamt der Regierung in Neu Delhi kündigte jetzt für das im März zu Ende gehende Finanzjahr 2009/10 ein BIP-Wachstum von 7,2% an. Das bedeutet: Indiens Wirtschaft wird im laufenden Jahr zum

ersten Mal seit 2007 wieder das Wachstum beschleunigen.

Im vergangenen Finanzjahr 2008/09 war das Wachstum auf eine Rate von 6,7% zurückgegangen. Das war der geringste Zuwachs in sechs Jahren. Doch jetzt schaltet die Wirtschaft auf dem Subkontinent den Nachbrenner ein. Es sind vor allem niedrigere Zinsen, geringere Fabriksteuern und höhere Beamtengehälter, die der Nachfrage nach Autos, Zement und Stahl ordentlich Auftrieb verleihen.

Im Klartext: Indien hat schon erreicht, worauf die meisten anderen asiatischen Länder noch mi viel Anstrengung hinarbeiten: Die heimische Nachfrage hat den Export als Wachstumstreiber auf den zweiten Rang verwiesen.

Die Gute Nachricht dabei ist: Nach Einschätzung vieler Beobachter könnte dieser Aufschwung selbst tragend sein. Die derzeitigen Treiber sind eindeutig der gewerbliche Sektor, dessen Wachstum im laufenden Finanzjahr von 3,2% auf 8,9% zulegt sowie der Bergbau – von 1,6% auf 8,7% – und die Bauwirtschaft. Sie kann von 5,9% Wachstum auf 6,5% beschleunigen.

Dass es bei der höheren Drehzahl auch bleiben wird, ist laut der Wirtschaftszeitung Economic Times “nicht garantiert”. Diese merkt aber an, dass mit höheren Zuwachsraten auch im Finanzgewerbe, der Versicherungswirtschaft, dem Immobiliensektor und den Dienstleistungen die Aufwärtsbewegung an Breite gewinnt.

Würde die Landwirtschaft, die in Indien noch immer 60% der Erwerbstätigen beschäftigt, nicht unter dem schwächsten Monsunregen seit 1972 leiden und im laufenden Fiskaljahr um 0,2% schrumpfen, könnte Indien fast an die Turbo-Wachstumsraten von China anschließen.

Das verleiht dem indischen Finanzminister Pranab Mukherjee Spielraum, um die expansive Fiskalpolitik etwas zurück zu schrauben. Indiens Regierung hat im wesentlichen dieselben Werkzeuge aus dem ökonomischen Reparaturkasten geholt wie die meisten anderen Regierungen: Niedrigere Zinsen und Steuern  sowie zusätzliche öffentliche Ausgaben. Das Volumen des Anschubgprogramms von Indiens Regierung wird im laufenden Jahr auf 36 Mrd. Dollar geschätzt, rund 3% des BIP.

Das ist prozentual gesehen nur halb so viel wie in China, hat aber gereicht, um das Haushaltsdefizit auf 6,8% des BIP anzuheben, ein 16-Jahreshoch. Daher sieht sich Mukherjee dem Druck der Reserve Bank of India - der Notenbank – ausgesetzt, bald die Steuern anzuheben, um die Inflation im Zaum zu halten. Doch die Regierung will sich nicht breitschlagen lassen.

Ministerpräsident Manmohan Singh beteuerte am 6. Februar, was den Preisauftrieb angehe, sei das Schlimmste überstanden. Das überrascht Beobachter kaum. Singh will auf dem Gaspedal bleiben. Seine Regierung hat mehrfach die Wähler mit dem Versprechen beruhigt, den Konjunkturanschub nicht so stark zu drosseln, dass er das Wachstum gefährdet.

Der Elefant geht in den Galopp über / Honza Soukup, Flickr

 

Die Industrie des Landes macht zudem auch ordentlich Druck. Führende Firmen wie Hero Honda Motors - Indiens größter Motorradhersteller - und Videocon Industries - ein wichtiger Produzent von Kühlschränken - wehren sich gegen ein Auslaufen der Steuervorteile im laufenden Konjunkturprogramm. Sie argumentieren, der private Verbrauch sei noch nicht wieder stark genug. 

Doch die Notenbank schätzt die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung auf dem Subkontinent positiver und damit inflationsanfälliger ein als die Regierung Singh. Der Gouverneur der Reserve Bank of India, Duvvuri Subbarao hob am 29. Januar die Prognose für das BIP-Wachstum auf 7,5% an und kündigte an, die Notenbank werde binnen Monaten mit dem Kampf gegen den Preisgalopp beginnen.

Subbaraos Einschätzung zufolge wird die Inflation – die in Indien Ende 2009 bei 7,3% lag – weiter auf 8,5% ansteigen. Daran sind nach Ansicht der Notenbank vor allem Versorgungsengpässe bei Reis, Weizen und Zucker verantwortlich, wegen des geringen Monsunregens.

Daher hat Subbarao schon im Januar die Geschäftsbanken angewiesen, den Anteil der Cash-Reserven an den Einlagen von 5% auf 5,75% zu erhöhen. Seiner Auffassung zufolge reicht aber ein Umschwenken in der Geldpolitik allein nicht aus, um die Inflation zu zähmen. Er verlangt von der Regierung auch eine Drosselung des Budgetdefizits.

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Führende Analysten teilen eher die Einschätzung der Reserve Bank, beeinflusst durch Meldungen wie die von Bajaj Auto - Indiens zweitgrößtem Motorradhersteller – und Tata Motors, dem größten LKW- und Busproduzenten des Landes. Beide meldeten zu Beginn des Jahres Umsatzzuwächse von über 70%. Morgan Stanley und die Citigroup erwarten beide, dass Indiens BIP im kommenden Fiskaljahr ab April um über 8% wachsen wird.

Der Indien-Experte Chetan Ahya bei Morgan Stanley in Singapur schreibt im “Global Economic Forum“, dass im Falle Indiens “ein deutlich erhöhtes Abeichungsrisiko nach oben” in Bezug auf das Wachstum besteht. Das Wachstum der privaten Nachfrage in Indien, so argumentiert er, habe die Industrieproduktion nahe an die Spitzenauslastung getrieben.

Der Ausstoß der Fabriken lag zuletzt bei 11,7% Wachstum auf Jahresbasis. “Der wiederbelebte private Konsum hat die ökonomische Führungsrolle übernommen”, sagt Ahya zur Erklärung. So habe sich die Nachfrage nach PKW in den drei Monaten bis Ende Januar auf über 44% im Jahresvergleich gesteigert.

Mehr noch: Ahya sieht einen Übergang in Indiens Wirtschaft vom staatlich angefachten Wachstum des Konjunkturprogramms hin zu nachhaltiger – “natürlicher” Nachfrage durch die heimischen Konsumenten: “Die von der Politik angefachte Erholung der Binnennachfrage wird nun ersetzt durch sichtbare Zeichen der Besserung in der sich selbst tragenden heimischen Nachfrage”.

Noch ein Punkt in Ahyas Analyse über Indien ist bemerkenswert: Er beobachtet eine Beschleunigung der Reformen. Als die regierende Kongress-Partei bei der Wahl im Mai 2009 ihre Mehrheit ausbaute, wuchsen die Hoffnungen, dass der Reformprozess schneller als bisher vonstatten gehen könnte. Diese Hoffnungen wurden nach einigen Monaten zunächst etwas enttäuscht.

Doch Ahya verweist auf einen bis zu drei Jahre währenden Zyklus in Indiens Politik, den er “POTA” nennt. Er steht für “Vorschlag, Opposition, Konsens, Aktion”: “Die gute Nachricht ist, dass viele zentrale Schritte der Reform jetzt in die Aktionsphase gehen”.

Für das kommende Fiskaljahr seien daher weitere Steuerreformen, eine Konsolidierung des Haushaltsdefizits, eine Rückführung der Staatsanteile in großen Firmen sowie eine Beschleunigung beim Ausbau der Infrastruktur zu erwarten, vor allem im Straßenbau.

Autoboom auf indisch / Meanest Indian, Flickr

 

Der Internationale Währungsfonds hat ähnlich positive Erwartungen in Bezug auf Indiens Wachstum. Das Wachstumspotenzial wird im Fiskaljahr 2010/11 wieder voll ausgeschöpft, heißt es im jüngsten Konjunktur-Update des IWF vom 5. Februar. Jetzt seien auch die Konditionen reif für eine Drosselung der fiskalischen und monetären Anschubprogramme. Doch die Konjunkturexperten beim Währungsfonds mahnen im Falle Indiens zwei wichtige Dinge an.

Erstens Wachsamkeit gegenüber der Inflation, weil “die Produktion nicht mit der wachsenden Nachfrage schritthält”. Und zweitens eine Reform des Finanzsektors, um den dringend nötigen Ausbau der Infrastruktur beschleunigen zu können: “Eine Vertiefung und Erweiterung des Finanzsystems, einschließlich des Marktes für Firmenanleihen, sind mögliche Lösungen”. Dies beinhalte unter anderem eine wachsende Öffnung für ausländische Investoren.

Indien, so scheint es, holt als ewiger Zweiter im Vergleich m dem dynamischen, gut kapitalisierten und autoritär regierten China in dieser Phase auf. Indien kam mit einem Konjunkturprogramm zurecht, das gemessen am BIP nur halb so groß war wie das von China. Indien hat zudem das Kreditvolumen längst nicht so massiv ausgeweitet wie China, das nun möglicherweise mit einer neuen Welle von Wackelkrediten rechnen muss.

Investmentbanker bei der UBS in Hong Kong haben ausgerechnet, dass der Umfang der Wackelkredite in China 400 Mrd. Dollar erreichen könnte – 8% des BIP – falls 20% der 2009 ausgereichten und 10% der 2010 vergebenen Kredite faul werden. Indiens Banken sind in der globalen Rezession sehr zurückhaltend geblieben, sie haben ihre Kreditmenge 2009 – während Chinas Staatsbanken Geld im Volumen von 30% des BIP ausreichten – sogar leicht zurück gefahren.

Indien kann mit noch einem Vorteil aufwarten: Weil seine Ausfuhren lediglich 24% des BIP ausmachen – gegenüber 35% in China - blieb der Subkontinent besser von der Schwäche der Weltwirtschaft verschont und isoliert als China, wo in der Exportwirtschaft 20-30 Mio. Arbeitsplätze verloren gingen.

Mit einem Anteil von 57% am BIP bot und bietet Indiens heimische Nachfrage auch einen deutlich besseren Puffer geben Ausfälle im schwachen Export während der Krise als China, wo der private Konsum lediglich 35% des BIP ausmacht.

“Was wir in Indien sehen”, sagt Jim Walker, Volkswirt bei der Researchfirma Asianomics in Hong Kong, “ist eine fundamentale heimische Nachfragegeschichte, die auch bei einem globalen Abwärtstrend intakt bleibt”.

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