Kanadier wollen bei den Winterspielen
die Siegertreppchen besetzen
Vancouver, 10. Februar 2010 (Noch zwei Tage!)
Zum dritten Mal veranstaltet eine kanadische Stadt olympische Spiele und wieder ist es eine schwierige Geburt. In Montreal 1976 und in Calgary 1988 holten die Mannschaften des Gastgebers keine einzige Goldmedaille. Jetzt soll in Vancouver Schluss mit der Schande sein. “Redemption”, Wiedergutmachung, fordern lautstark die Hockey-Helden des Ahornlandes in hunderten von
TV-Commercials, und meinen damit den blamablen siebten Platz in Turin.
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Diesmal zeigen die Zeitungen zwischen Halifax und Vancouver Regierungschef Stephen Harper als jugendlichen Hockeyspieler im Jersey der Toronto Maple Leafs. Die Botschaft ist klar: Der Sieg ist Chefsache, der Premier höchstpersönlich wird den Gladiatoren ins Kreuz treten, wenn sie wieder versagen.
Er ist schon seit Jahren ein Überflieger, der Kanada-Dollar, liebevoll “Loonie” genannt nach dem entenähnlichen Loon auf der -Dollar-Münze – der starke Loonie hat Kanada viele Besucher gekostet, die jetzt anderswo billiger Urlaub machen können
Das Känguruh der australischen Delegation, das am Balkon der Sportler im Olympischen Dorf hängt, sorgte vor Beginn der Spiele für den ersten Eklat. Das IOC wollte die Aussies zwingen, die wunderschöne Fahne abzuhängen, weil sie kein vom IOC autorisiertes Logo ist. Erst als der Bürgermeister von Vancouver drohte, das Riesenbanner zur Not ans Rathaus zu hängen, gaben die humorlosen Apparatschiks nach.
Diesmal legten die ansonsten eher bescheidenen und zurückhaltenden Kanadier ein aggressives Programm auf, um ultimativ abzuräumen und im Medaillenspiegel die favorisierten Deutschen, US-Athleten und Norweger souverän abzuhängen.
Die Eisskulptur stellt den Inukshuk dar, ein Steinmensch, der den Ureinwohnern – aufgestellt an der Küste – traditionell als Navigationshilfe diente. Jetzt ist er Logo der Winterspiele.

“Own the Podium”, heißt die kämpferische Kampagne. Sie goss sechs Jahre lang zusätzlich 110Mio. Dollar über Kanadas Alpin-Asse aus. Das Ziel: “Her mit dem Siegertreppchen”. Machbar klingt der Anspruch, Kanadas Team belegte vor vier Jahren in Turin Rang drei, davor in Salt Lake City Platz 4 der Gesamtwertung.
Doch gut vorbereitete Widersacher der Lokalmatadoren sind diesmal nicht die größte Herausforderung in der Stadt, die vor lauter Flaggen, Wimpeln, Olympia-Bannern und Großplakaten von Sponsoren fast nicht mehr zu sehen ist. Es fällt einfach kein Schnee, nicht im wärmsten Januar allerZeiten zum Auftakt des Jahres und auch nicht in diesen warmen Februartagen, an denen das Quecksilber regelmäßg auf 7-10 Grad klettert.
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Während ich das schreibe, sprießen bei mir im Garten schon Krokusse und Rosen. Es sollten die “grünsten” Winterspiele werden, und auf eine ironische Weise sind sie es mit den kahlen Skihängen am Stadtrand auch geworden. Für die Eröffnungsfeier am Freitag um 18 Uhr sind 8 Grad und Regen angesagt.
Die erste Goldmedaille wurde bereits vor Eröffnung der Spiele vergeben – Mein jüngster Sohn Lukas hat sie entworfen und sich gleich selbst umgehängt. Warum eigentlich nicht mir ? …

Der Umwelt wird allerdings kein Gefallen getan, das gilt für den Schneesport allgemein. Doch in Vancouver gilt das, was die 2,4 Mio. Einheimischen im Großraum über die “braunen” Spiele sagen, jetzt ganz besonders. Seit 2 Wochen karren jeden Tag 40 bullige Schwerlaster ohne Unterlass Schnee aus dem 150 km entfernten Manning Park in die Stadt, damit ab Samstag auf dem Hausberg ”Cypress Mountain”, überhaupt die Buckelpisten- und Snowboard-Wettfahrten ausgetragen werden können. Der ökologische “Footprint” dieser Spiele dürfte am Ende verheerend ausfallen.
Das sind die richtigen Medaillen, die bei 86 Wettbewerben in Vancouver vergeben werden

Seit Sonntag trudeln Heerscharen von Besuchern in die längt nicht mehr idyllische Perle am Pazifik ein: über 50.000 Touristen, 6.000 Athleten und Offizielle, 12.000 Medienvertreter und 34.000 Beschäftigte oder Beauftragte von Sponsoren. Sie alle drängeln sich dann in überfüllten Partyzelten, an nationalen Pavillons, an Großbildschirmen, in lärmenden Festzonen und dröhnenden Pubs.
17.000 Soldaten, Bundespolizisten und private Ordnungshüter sollen die Sicherheit der Spiele gewährleisten. Gegen wen sie Sportler und Besucher beschützen, weiß niemand so recht, denn die Terrorbedrohung soll ja gering sein. Die wachen Augen dieser Olympia-Brigade werden flankiert und unterstützt von nahezu 1.000 Kameras in der Stadt. Das IOC schränkt an diesem narrisch liberalen Ort für 14 Tage gleich auch die Bürgerrechte ein. Demonstriert werden darf nur in dafür vorgesehenen Zonen. Das war in Peking nicht schlimmer.
In der Vancouver Eastside – der ärmsten Nachbarschaft Kanadas – hat jeder dritte der 15.000 Bewohner Aids oder ein Drogenproblem
Vancouver wird ab Freitag zwei Wochen lang das Gegenteil seiner selbst sein: Aufgeregt statt pazifisch cool, hektisch statt gelassen, wichigtuerisch statt immerzu untertreibend und einfach ungemein verstopft statt sich an seiner eigenen Weite zu laben. Vancouver mit seinen steil aufragenden Küstenbergen und18 km Strand war mal ein Idyll, die verschlafene Endstation der europäischen Kolonialisierung gen Westen. Hier ging es nicht mehr weiter, weil sich der Pazifik 8.000 km bis nach Asien erstreckt. Weiterziehen wollte aber auch keiner an diesem einzigartigen Ort, der Menschen so wunderbar mit der Natur vereint.
Jetzt fallen die Heerscharen des IOC über dieses angeknackste Paradies herein und beweisen wieder einmal, dass Schönheit selbstzerstörerisch wirkt.
Die Zuwanderung in dieses vermeintliche Schlaraffenland aus Bergen, Parks und Seen ist seit zwei Jahrzehnten so massiv, dass die Bevölkerung der Infrastruktur auf und davon gewachsen ist. Das Resultat: Verstopfte Straßen, schlechteres Wasser, Lärm, teure Häuser, Zersiedelung, Aggression. Mal sehen, wann das die Economist Intelligence Unit-Leute mitbekommen. Sie wählen seit 2003 Vancouver immer wieder zum lebenswertesten Ort auf dem Planeten.

Die Olympischen Spiele täuschen über solche Veränderungen durch die Euphorie, die sie auslösen, für kurze Zeit hinweg. Doch der Rummel wird schnell vorüber sein. Was bleibt, werden neben dem Medaillenspiegel ein paar schöne Stadien mit defizitärem Betrieb sein sowie ein Schuldenberg von etwa einer Mrd. Euro. Montreal steckte nach den Sommerspielen 1976 ebenso tief in der Kreide. Die letzte Schuldenrate wurde vor 3 Jahren beglichen, 31 Jahre nach den Spielen.
Trotz all dieser Überlegungen wird es auch ein schönes Spektakel werden. Die Erwartung spannender Wettkämpfe mit Weltklasse quasi in der Nachbarschaft - und das Flair eines so globalen Großereignisses – sind förmlich zum Greifen. Tausende von Fahnen wehen an den Gebäuden der Stadt, rote Wimpel mit GO CANADA flattern an fast allen Autos. Im Fernsehen werden unentwegt die Erfolge der kanadischen Athleten gepriesen. Curling, Hockey und Trickski-Saltos in Überdosis.
Wie sehr das Fieber die Nation ergriffen hat, zeigt ausgerechnet ein zuhöchst undemokratischer Akt des kanadischen Premiers. Stephen Harper veordnete Ende 2009 eine Verlängerung der Winterpause für die 308 Abgeordneten des House of Commons, wie das Parlament in Ottawa heißt, bis zum 3. März. Offiziell soll die Zwangspause zur besseren Vorbereitung des neuen Bundeshaushaltes dienen. Doch es werden immer mehr Abgeordnete mit Ehren- und Sponsorentickets in Vancouver gesehen.
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