Enttäuscht: Die alte Elite flieht aus der Verantwortung: Angst um den guten Ruf?

13. Oktober 2010
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Hail and RainIrgendwie ist es ja erstaunlich, wie die politische Elite so plötzlich einflussreiche Positionen aufgibt und sich zurückzieht. In Deutschland sind die Beispiele Roland Koch, Horst Köhler oder Ole von Beust ja noch in frischer Erinnerung. Überraschend finde ich, dass bereits nach eineinhalb Jahren die Regierung Barack Obamas die wichtigsten Wirtschaftsberater verliert.

Larry Summers gilt als Obamas wichtigster Ökonom und verlässt das Weiße Haus zum Jahresende. Im Sommer hatten bereits Budgetdirektor Peter Orszag und Christina Romer ihrer “Ämter” zurückgegeben. Daneben hat der Chef des Bankenrettungsfonds Tarp, Herb Allison, aufgegeben und Stabschef Rahm Emanuel wird für den Posten des Bürgermeisters von Chicago kandidieren.

Im Beitrag “Das verlorene Jahrzehnt: Flucht vor Verantwortung” hatte sich der Blick Log bereits mit dem Rückzug eines Teils des Managements aus der Verantwortung befasst. Während aber Rückzüge aus dem Management oft nachvollziehbar und, wie im Finanzsektor, häufig notwendig sind, lösen Abgänge aus der Politik eher Rätselraten aus. In weiten Teilen der Wählerschaft herrscht immer noch die Erwartung vor, für politische Posten sollten die Bewerber über eine Art sozialer Motivation verfügen und ihre eigenen Interessen hinten anstellen. Ich halte das für einen hartnäckigen Mythos, den die politische Klasse schon lange widerlegt hat.

Aber zurück zu den Motiven. Hans-Martin Schönherr-Mann hat sich in einem Essay für “Psychologie Heute” mit dem Rückzug aus der Verantwortung befasst. Darin schreibt er u.a.:


“Sich an den Wirkungen des eigenen Handelns zu orientieren birgt überhaupt ein hohes Risiko des Scheiterns. Man kann nicht vorhersagen, ob man das wirklich erreicht, was man beabsichtigt. Man kann sich verrechnen, sich täuschen, oder es können einfach unglückliche Umstände eintreten. So erreicht man beruflich, familiär oder sozial häufig nicht das, was man wollte. Ja, man kann sogar total abstürzen. Ulrich Beck prägte 1986 für solche Individualisierungsrisiken das Wort von der Risikogesellschaft. Verantwortung für das eigene Leben stellt somit erheblich höhere Anforderungen an die Zeitgenossen als eine traditionelle Gesellschaft, die dem Einzelnen seine Rolle vorschreibt.

Viele versuchen, dieser Verantwortung zu entfliehen, machen notorisch andere Menschen für ihr eigenes Leben verantwortlich. Dann versagten ihre Eltern, hatten sie schlechte Lehrer oder unerfreuliche Professoren, die alle zusammen für den unerwünschten Verlauf ihres Lebens verantwortlich sind. Nur sie selbst haben damit nichts zu tun, sie übersehen geflissentlich die eigene Faulheit, die Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, oder den Mangel an Engagement. Genauso klingt es heute schal, wenn man sich angesichts seines Scheiterns darauf beruft, ethisch immer korrekt gehandelt zu haben.”

Hilft dies, den Rückzug aus Top-Positionen zu erklären bzw. die Motive zu verstehen? Fürchten sich Larry Summers und Christina Romer vor dem Risiko des Scheiterns. Sehen die Berater Obamas ihren guten Ruf gefährdet, weil Obama seine Wirtschaftspolitik immer mehr an wahltaktischen Kriterien, denn an ökonomischen Notwendigkeiten orientiert? Auszuschließen ist dies nicht. Rational ist es jedenfalls, wenn man den Mythos des selbstlosen und sich ausschließlich für die Gesellschaft einsetzenden Politikertypus negiert. Politiker und deren Berater sind in der Regel Nutzenmaximierer und unterscheiden sich damit nicht von Unternehmern, Managern und Angestellten in Unternehmen.

Die Berater Obamas fürchten in den Sumpf des ökonomischen Misserfolgs gezogen und dafür mitverantwortlich gemacht zu werden. Sie sehen ihren guten Ruf gefährdet und verlassen das sinkende Schiff. Das jedenfalls ist die Botschaft, die hier ankommt.

Uns außenstehenden Beobachtern ist die Tief der US-Wirtschaftsmisere vielleicht noch nicht deutlich genug. Summers und Romer dürften den Zustand der Ökonomie des eigenen Landes dagegen sehr genau kennen. Ihr Weggang ist daher ein ganz schlechtes Zeichen für die “Animal Spirits” der US-Wirtschaft. Dabei spielt es keine Rolle, wie sie ihre Jobwechsel begründen.

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