Eine Inflations-Mücke im deflationären Ozean

11. August 2010
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Es geht um Weizen, Mehl und Müsli, Zucker, Fleisch und Milchprodukte. Der Nahrungsmittel-Index der Welternährungs-Organisation FAO schießt im Juli hoch wie eine Rakete. Angetrieben wird er von den Weizenpreisen, die allein im vergangenen Monat um 40% gestiegen sind. Die Waldbrände in Russland, eine Heuschrecken-Invasion in Australien, ein nasser Sommer in den Prärie-

Provinzen Kanadas sowie Ernte-Probleme in Indien haben die Weltmärkte verschreckt. Obwohl die Getreide- und Zuckernotierungen noch unterhalb ihres Niveaus vom Vorjahr liegen, schießt der Gesamtindex nach oben.

Das war vor wenigen Wochen noch ganz anders. Noch im Juni war die globale Nahrungsmittel-Inflation laut der Citigroup von 21% im 1. Quartal auf 7,2% gefallen. Dass die Preise jetzt wieder galoppieren, ist nicht nur eine verheerende Nachricht für Schwellenländer wie die Philippinen, wo 80% der Familien mindestens 60% des verfügbaren Einkommens für Nahrung ausgeben. Die Nahrungs-Inflationsrakete treibt auch die Deflations-Inflations-Debatte auf einen neuen Höhepunkt. Wie preistreibend ist diese Entwicklung insgesamt, wenn europäische und nordamerikanische Haushalte etwa 10% ihres Familienbudgets für Nahrungsmittel ausgeben ? Wie viel von dem Anstieg können Groß- und Einzelhandel in dem schwachen wirtschaftlichen Umfeld überhaupt weitergeben ?

Und vor allem: Welche Rolle spielen Spekulanten ? Kann der ganze Preisanstieg mit dem Spiel von Angebot und Nachfrage beantwortet werden ? Tim Jones, ein Berater des World Development Movement, sagt dem britischen Guardian, dass nach seiner Beobachtung die Mehrzahl der Termin-Kontrakte auf Zutaten für Nahrungsmittel auf steigende Preise gewettet hat. Und laut Angaben der US Commodity Futures Trading Commission haben die Long-Kontrakte (steigende Preise) seit Juni um 35% zugenommen.

Die Webseite des World Development Movement:

Das viel berichtete Beispiel des britischen Finanziers Anthony Ward – Spitzname “Choc Finger” – am Kakau-Markt im Juli, als dieser Rohware für über fünf Milliarden Tafeln Schokolade kaufte und damit weite Teile des Weltmarktes cornerte, zeigt den Einfluss von Investoren auf die Rohstoff-Notierungen, selbst wenn sich Ward mit dem Preisrückgang für sein süßes Produkt in den vergangenen Tagen böse die Finger verbrannte.

Die Spekulanten-Schelte erhält Unterstützung von einigen Marktbeobachtern die sagen, die Ernte-Probleme in den genannten Ländern würden vom Markt übertrieben. Russland verkauft den meisten Weizen an Ägypten, Syrien und andere Nahost-Länder, die sich den Rohstoff leicht anderswo besorgen können. Indien ist zwar der zweitgrößte Reis- und Weizen-Produzent, doch es exportiert nur einen kleinen Teil siner Ernte und hat daher nicht viel Einfluss auf den Weltmarkt. Zudem wurden laut den Vereinten Nationen die Vorratslager nach den erschreckenden und preistreibenden Knappheiten 2008 wieder stark aufgefüllt.

Doch außerhalb der Schwellenländer, wo die Nahrungspreise aus den genanten Gründen stärker auf die Inflation durchschlagen, hat dieser Preisschub wahrscheinlich keine großen Auswirkungen, zumindest kurzfristig. Denn die Konsumenten in Europa und den USA sind in den Sparmodus übergegangen. Werden Nahrungsmittel teurer, werden die höheren Preise durch billigere Einkäufe bei Discountern oder durch das Ausweichen auf günstigere Produkte der gleichen Gattung ausgeglichen.

Gut auf den Punkt gebracht hat den Zusammenhang der britische Wirtschafts-Journalist Ambrose Evans-Pritchard in seinem Stück im Telegraph am Sonntag: “Lasst Euch nicht in die Irre führen: Ein Preissprung bei Öl und Nahrung kann derzeit nicht die Inflation treiben, weil der Kreditzyklus am Boden liegt, die Geldmenge kontrahiert und die Fiskalpolitik restriktiv geworden ist”. In den USA hat daher die Kern-Inflationsrate den niedrigsten Wert seit Mitte der 60er Jahre erreicht.

Selbst wenn Ben Bernanke in den nächsten Wochen wieder stärker auf das Gaspedal treten wird: Die Verbraucher sitzen auf dem Geld, die Firmen investieren nicht und halten Cash, die Banken leihen wenig aus und geben das Geld lieber für Staatsanleihen aus. Der Geldumlauf bricht als Folge ein, das Feuer der Inflation bekommt auf absehbare Zeit keine Nahrung.

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