
- Image by luc legay via Flickr
Am Wochenende überrascht mich (nicht wirklich) CHIP Online mit dieser Meldung “Social Media hat Berufsverbot in jedem zweiten Büro”. Tenor aus einer Befragung von über 1000 “IT-Entscheidern” und mehr als 2.000 “IT-Anwendern” in den sogenannten “Collaboration Nations”: Während der Arbeitszeit bleiben Twitter, Facebook, Youtube für die Mitarbeiter in 44 % der deutschen Unternehmen verboten. (Was mich zu dem provokativen Tweet veranlasst hat, daß die deutschen Unternehmen genausogut Fax, Telefon, Auto- und Geschäftsreisen verbieten könnten, weil diese Hilfsmittel für den Geschäftsalltag ja auch von den Mitarbeitern missbraucht werden können).
Zugegeben: Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis Unternehmen in Europa festgestellt haben, daß man mit der guten alten Gutenberg’schen Druckerpresse ja auch so etwas Praktisches wie Flyer oder Imagebroschüren – und nicht nur Bücher – drucken kann. Das Innovationstempo in “Good old sleeping Europe” schien mir seit dieser unglaublichen Entdeckung immerhin doch etwas gesteigert. Dennoch drängt sich mir erneut die Frage auf: Wie kommt es dazu, daß wir im unternehmerischen Kollektiv zu einer derart hohen Verbotsrate kommen?
Mittlerweile glaube ich, ahnen zu können, warum so viele unter uns der Innovation im Allgemeinen – und der Social Media Nutzung im Besonderen – so abgeneigt, um nicht zu sagen: feindselig gegenüber stehen. Es hat mit unserem Autopiloten zu tun, der uns in für uns unbekannten Situationen erst einmal warnt: “Vorsicht: Hier könnte Dir Gefahr drohen.” Und weil wir in einer hochkomplexen und unübersichtlichen Welt lieber auf das vertrauen, was wir als praktisch erprobt bereits kennen (oder zu kennen glauben), bevor wir uns auf unbekanntes Terrain vorwagen (dort könnten wir ja einbrechen), bleiben wir lieber inmitten unserer Herde stehen und gucken erst mal, was die anderen Schafe so treiben. Wenn die sich dann die Beine brechen, haha, dann können wir, die wir nicht so mutig waren, diese “dummen” Schafe auslachen. Und wenn es auch heute abend wieder genug zu futtern gab, dann wissen wir: Alles so sicher wie gestern – und gehen beruhigt schlafen, wir lagen ja schließlich genau richtig mit unserer Haltung – wir hatten schließlich “alles unter Kontrolle”. Und wenn die dummen Schafe nicht mehr zu sehen sind, dann beruhigen wir uns gerne mit dem Gedanken: Die wird längst der böse Wolf gefressen haben.
Nun mag es ja ein wenig an den Haaren herbeigezogen sein, aber was, wenn diese sogenannten dummen Schafe den Vulkanausbruch einfach früher geahnt und rechtzeitig losgelaufen sind? Während wir anderen zurückbleiben und vom Ascheregen voll erwischt werden? Ich glaube also, daß unser Pawlow’scher Beißreflex allein beim Stichwort “Social Media” auch damit zu tun hat, daß wir im Grunde unseres Herzens dieses am meisten fürchten: Kontrollverlust.
Kontrollverlust ist aus meiner Sicht eines der größten Hemmnisse bei jedweder Innovation. Kontrollverlust fürchten alle wie der Teufel das Weihwasser. Kontrollverlust bedeutet: Nicht exakt planen zu können, was geschieht. Mit einem Höchstmaß an Unsicherheit umgehen müssen. “Schuster bleib’ bei Deinem Leisten” – “Weisheiten” wie diese sind tief in unserem kollektiven Gedächtnis verwurzelt. Warum also sollten wir diesen neumodischen Predigern folgen, die uns plötzlich zurufen: “Loslassen, es gibt gar keine Kontrolle!” Wie bitte? Das wollen wir doch erst mal sehen!
Nun, in Krisenzeiten fühlen manche sich ganz besonders vom Kontrollverlust bedroht. Besonders schmerzlich ist das für die, die gestern noch “alles unter Kontrolle” hatten. Banken zum Beispiel. Hedgefonds-Lichtgestalten. Politiker, die ja auch “Machtverlust” befürchten (müssen). Die immergleichen “Experten”, die sich sonntagabends bei Anne Will kloppen, und am Donnerstag bei Illner. Institutionen wie Kirchen und Verbände, aber auch Totalitaristen und Freunde der Diktatur. Daß wir ach so viel auf unsere Demokratie halten, geschenkt, daß es auch hier aber immer noch genügend Bürgermeister gibt, die völlig ausrasten, nur weil sie ein harmloser Bürger bei einer gemeindeöffentlichen Straßenbegehung mit dem iPhone filmen möchte, ist eine Tatsache: Tiannanmen, der Platz des himmlischen Friedens – ist es nicht das, was wir uns alle wünschen, auch hier in Deutschland? Den Ort der Ruhe und des Friedens, ungestört von irgendwelchen Störern und “Nestbeschmutzern”? Beschützt und unterdrückt-aber-glücklich von dem einen, allmächtigen Anführer, unserem vergötterten Alphatier?
Das also scheint mir die allergrößte Hürde zu sein, auch Unternehmen mitzunehmen in unsere neue Zeit: Die Illusion, an “absoluter Kontrolle” festhalten zu können, ist uns lieber, als uns den frischen Wind des Widerspruchs, des “Gegenwinds” und der – möglichen – Kritik ausgesetzt zu sehen. Deshalb, so meine ich, ist die anfangs zitierte Zahl: Jedes zweite Unternehmen verbietet Social Media, im Grunde gar nicht mehr so überraschend (eher, daß es “so wenige” sind).
Mittlerweile gibt es zum Thema Social Media aber doch unzählige Blog Posts, Artikel, Twitter-News und “7-20 Tipps, wie Sie etwas so und so machen sollten”. Viele davon sind klasse, manche bringen einen wirklich weiter – und jeder versucht auf seine ganz spezifische Weise, dem hochkomplexen Thema auf die bestmögliche Weise gerecht zu werden. Im Grunde aber lassen sich Social Media durchaus einfacher verstehen, als mancher Berater Sie glauben machen möchte.
Wenn Sie glauben, daß es sich bei Social Media wieder nur um so eine Welle handelt, bei der sich alles nur um Business und Werbung für Unternehmen dreht, dann: Herzlich Willkommen bei den 44 % der oben genannten Unternehmen! Verbieten Sie Ihren Mitarbeitern ruhig die Nutzung von Twitter, Facebook und Co., die sollen “gefälligst arbeiten” und nicht “ihre Zeit verplempern”.
Ich hänge mich hier mal ein bißchen aus dem Fenster und behaupte: Wenn Sie Twitter, Facebook & Co als reine Vertriebskanäle betrachten, liegen Sie garantiert und immer zu 100 % falsch! Der schwedische Blogger Richard Darell hat in einem Beitrag für die BIT REBELS stattdessen eine wesentlich simplere, aber gerade deshalb bestechende Formel gefunden:
SOCIAL MEDIA = LISTEN & RESPOND.
Vielleicht ist es ja auch ein urmenschlicher Zug, daß wir auf einfache Fragen immer möglichts komplexe oder komplizierte Antworten erwarten.
Vielleicht liegt es an unserer traditionell verhafteten, arbeitsteiligen Arbeitsweise in traditionell verhafteten Teams, die alle dem Gruppenzwang folgen müssen, weil die Gruppe so strukturiert ist. Also müssen wir uns auch bei jedem innovativen Thema erst mal alle in ein “Meeting” begeben, um dann erst einmal die “Risiken” abzuwägen, die wir dann schnellstmöglich “ausschließen” müssen, um nicht in Gefahr zu geraten. Meine Prognose: Wenn wir in dem Tempo weitermachen, dann führen wir in deutschen Unternehmen Social Media, nun, sagen wir, in etwa 300 Jahren richtig ein. Falls es dann noch deutsche Unternehmen gibt.
Listen & Respond. Zuhören und Antworten, mit Respekt. Wenn Sie soviel vom Thema Social Media verstanden haben: Herzlichen Glückwunsch, Sie zählen tatsächlich zur möglichen Mehrheit von morgen! Und wenn Sie dann einen Plan entwerfen, gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern, möglicherweise unterstützt von einer Cloud neuen Computings, in einem gemeinsamen Netzwerk wie WIKI, XING, Facebook, Twitter – diesen Plan mit Ihren Kunden disktuieren, verwerfen und neu fassen, die Antworten Ihrer Kunden plötzlich ernst nehmen und schätzen, auch wenn diese Antworten Sie herausfordern – könnte durchaus sein, daß Ihr Unternehmen morgen wie Phoenix aus der Vulkanasche steigt ..
Und für alle Business-Punks hier noch ein Video, das, wie ich finde, das Thema sehr eindrucksvoll auf den Punkt bringt: Social Media is the new punk rock! ![]()
Und weil die Kritik im Kommentarbereich natürlich absolut berechtigt ist, gleich noch die Online-TV-Serie, die Facebook auf wunderbare Weise auf den Arm nimmt: SOUTHPARK – Nachtrag: da dieser Link aus “Rechtegründen” in Deutschland seit gestern nicht mehr funktioniert: Hier kann man diese Folge “0 friends” auch ansehen.
Übrigens: Falls Sie es etwas ernsthafter mögen: Auf Silicon.de ist ausführlich erläutert, was die hier diskutierten Verbote bringen: Twitter, Facebook, Blogs – Verbote bringen nichts.

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“Listen and respond” ist ja schön und gut – nur braucht man dafür halt lediglich ein kleines Team und nicht die gesamte Belegschaft. Warum sollte für die plötzlich private Internetnutzung erlaubt sein, während das private Telefonieren immer noch verboten ist? Und das private Faxen sowieso? Ich denke nicht, dass in den besagten 44 Prozent der Unternehmen die Nutzung von Social Media im Dienste des Unternehmens verboten ist (eher wird es so sein, dass einfach niemand auf die Idee gekommen ist, Social Media überhaupt zu nutzen).
Als ich die Überschrift dieses Artikels gelesen habe, musste ich direkt an den Pawlow’schen Beißreflex der Web-Propagandisten im Allgemeinen und Social-Media-Apologeten im Speziellen denken, die alle verteufeln, die ihr momentanes Lieblingsspielzeug nicht bedenkenlos gut finden. Ein bisschen fühle ich mich nach dem Lesen des Textes auch bestätigt. Denn was es nun bringen soll, wenn jeder am Arbeitsplatz twittern darf, wie er will, das habe ich nicht erfahren.
Ich fürchte, das klingt nun ein wenig wie ein Angriff auf diesen Artikel. Das soll es aber nicht sein – denn ich habe den Eindruck, dass das auch anderswo eher oberflächlich diskutiert wird. Social Media sind halt neu und toll. Revolution. Fertig. Aber ich fürchte, da muss mehr kommen, um Unternehmenslenker zu überzeugen.
“..da muss mehr kommen, um Unternehmenslenker zu überzeugen.” Das sehe ich genauso! Mehr Qualität in der Diskussion, aber gerne doch! Zum Beispiel in dieser XING-Gruppe http://www.xing.com/group-52993.3889e2
Lieblingsspielzeug? Nun, zwischen “bedenkenlos gut finden” und “verbieten” – und so stand ess in der Studie – gibt es eine ganze Reihe von sinnvollen, beeindruckenden, überzeugenden Beispielen, wie Unternehmen, vom kleinsten bis zum größten, einen oder mehrere Kanäle absolut sinnvoll nutzen können. Und daß ein Buchhalter während der Arbeitszeit nicht twittern muss, scheint mir eine Binse zu sein. Ich glaube auch nicht, daß es darum geht, Mitarbeitern die Privatnutzung während der Arbeitszeit grenzenlos einzuräumen, sondern zu verstehen, wie einzelne Teams, Mitarbeiter-Gruppen, etwa im Service-Dialog mit Kunden, auch im B2B-Bereich, schlicht mehr und erfolgreicher im besten Interesse für das jeweilige Unternehmen (sicher mit unterschiedlichen Ausprägungen in unterschiedlichen Branchen) kommunizieren können, per Cloud-Computing zusätzlich Wertschöpfung generieren und einen markttauglicheren Dialog mit ihren Kunden etablieren können.
Kleines Team? Nun, wenn das für die jeweilige Zielsetzung der strategischen Kommunikation ausreicht – manchmal reicht’s ja schon, wenn der Chef selbst sich ab und zu die Mühe macht – oder weiß, wer ihn dabei unterstützt.
Social Media sind nicht per se “toll”. Eisenbahnen, Autos oder Revolver auch nicht. Sie können sinnvoll gebraucht, mißbraucht oder schlicht: Nicht vollständig verstanden – und dennoch irgendwie genutzt werden.
Und das Schöne dabei: Wer verbieten muss, hat gewiss Gründe dafür. Wenn das dem Geschäft dient – warum nicht? Das darf Gottseidank jeder Unternehmenslenker ja noch selbst entscheiden. Und das alleine ist ja auch schon was wert,
Social Media Nutzung kann ein Zeitfresser ersten Grades sein, auch wenn es geschäftlich genutzt wird, insbesondere wenn keine klare Zielsetzung damit verbunden ist, was damit erreicht werden soll. Für manche ist ist die Zielsetzung zu klar: Direktverkauf online. Das funktioniert nicht, weil keiner auf Facebook auf Twitter ist, um sich etwas verkaufen zu lassen, am allerwenigsten die, die selbst etwas verkaufen wollen. Daher ist der Listen & Respond-Ansatz ganz klar zu bevorzugen. Selbst wenn die Social Media Strategie in die allgemeine Unternehmenspolitik eingebunden ist und eine klare Zielsetzung aufweist, sie kostet immer noch viel Zeit. Hier halte ich es selbst mit einem abgewandelten Klassiker von Henry Ford: Ich weiß, daß die Hälfte meiner meiner Social Media Zeit nutzlos ist, ich weiß nur nicht, welche Hälfte.
“Honestly, your customers are already there discussing your products and services, asking questions, learning about you from other customers and waiting to interact with you. If your shareholders see unaddressed complaints, or unacknowledged kudos, they’ll wonder why the heck you’re not following the feedback on social media. Get out there and get to know your customers. It’s not even a question anymore orf whether you should have a social media presence or not.” Lori Smart, Marketing Director host2help, zitiert aus:
How do you approach social media as a public company?
Gruppendiskussion Social Media Today, Linkedin, Gruppenfrage:
How personal do you get with your social strategy knowing that investors and message boards are watching every move? We want to create a “personality” for our company through social media but are concerned about how this is viewed in the financial world.”, Frage von Jason Edwards, Director eCommerce iGo Inc.