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Das verlorene Jahrzehnt: Flucht vor Verantwortung

18. MĂ€rz 2010
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In dem am Jahresanfang im Blick Log erschienen Beitrag “Das verlorene Jahrzehnt: Die große Null der Wirtschaft” ging es darum, dass die Performance der westlichen Wirtschaft im letzten Jahrzehnt so schlecht wie nie war. Wirtschaftsmedien haben in den USA eine Diskussion ĂŒber “The Lost Decade” angestoßen. Der Blick Log schaut ebenfalls auf diese Entwicklungen und sucht mögliche Ursachen fĂŒr das schlechte Abschneiden (Zusammenstellung in dieser Mindmap). Ein weiteres PhĂ€nomen könnte die Flucht vor der Verantwortung sein.

In der Retrospektive wird Alfred Herrhausen, der ermordete Chef der Deutschen Bank, möglicherweise möglicherweise etwas ĂŒberhöht dargestellt in der Interpretation seiner Mission. Dennoch, gerade im Kontrast zu dem heutigen Verhalten einiger Top-Manager mag man seine Botschaft, die Stefan Heß vor einigen Wochen im Handelsblatt skizzierte, gern hören:

“Ökonomisches Handeln dient keinem Selbstzweck, sondern verpflichtet zur gesellschaftlichen Verantwortung. Das macht seine AktualitĂ€t noch heute aus – vielleicht sogar gerade heute: Manager dienen nicht nur dem Kapitalmarkt und der Rendite um jeden Preis, sondern mĂŒssen ihren Standort in der Gesellschaft permanent selbst bestimmen. Gewinne sind notwendig, um als Unternehmen im Markt bestehen zu können, der Einzelne trĂ€gt aber die Pflicht, einer unethischen GeschĂ€ftspraxis entgegenzustehen.

Es besteht fĂŒr Alfred Herrhausen kein Zweifel, dass Großunternehmen sich nicht nur darauf beschrĂ€nken dĂŒrfen, „gute GeschĂ€fte zu machen“. DafĂŒr ist nicht nur Verantwortung fĂŒr, sondern auch Akzeptanz durch die Gesellschaft notwendig. Je grĂ¶ĂŸer die Unternehmen, je komplexer die Produkte und je internationaler die Ausrichtung, desto erklĂ€rungsbedĂŒrftiger wird die Unternehmenskommunikation.”

In den letzten 24 Monaten konnte man das Gegenteil von dem beobachten, was Verantwortung heißt, wie die New York Times in einem Beitrag herausarbeitete, in dem bemĂ€ngelt wurde, dass sich viele VerantwortungstrĂ€ger entweder aus dem Staub machten oder die Schuld von sich wiesen:

“None of these directors have stood up and said, ‘We made a mistake here by not calling management to account,’ ” said Paul Hodgson, senior research associate at the Corporate Library, a corporate governance research firm. “They have certainly avoided the limelight as far as blame is concerned.”

Moreover, they continue to get work as directors at other companies.

Die Liste der sich der Verantwortung entziehenden Manager ist lang und deren Aussagen mittlerweile zu einer Belastung vieler Top-KrĂ€fte geworden, die sich redlich bemĂŒhen und deren positives Wirken im medialen Rauschen untergeht. Hier nur drei Beispiele aus den letzten Wochen:

So verstand es etwa der ehemalige Vorstandsvorsitzende der BayernLB, Werner Schmidt, nach dem Desaster mit der maroden Hypo Alpe Adria die Verantwortung schön auf viele Köpfe zu verteilen. Die FTD fasste die Aussagen Schmidts wie folgt zusammen:

"Schmidt bestreitet die Anschuldigungen. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" verwies er auf die Verantwortung seiner Ex-Vorstandskollegen und frĂŒheren VerwaltungsrĂ€te, die den Kaufpreis billigten, gegen die allerdings nicht ermittelt wird.

"Kein Vorstandsvorsitzender kauft im Alleingang eine Bank", ließ Schmidt ĂŒber seinen Verteidiger ausrichten. Im BayernLB-Verwaltungsrat saßen Vertreter der Landesregierung und Sparkassen im Freistaat.

An der Preisfindung fĂŒr die Hypo Group haben laut Schmidt "gut 100 Personen mitgerechnet". Bevor Schmidt den Übernahmevertrag unterschrieb, prĂŒften seine Berater im Mai 2007 die BĂŒcher der Hypo Group. Im Endbericht merkten sie an, "dass wir eine Datenraumzeit von 15 Tagen fĂŒr eine Transaktion dieser GrĂ¶ĂŸenordnung nicht fĂŒr sachgerecht halten." In einem Untersuchungsausschuss des KĂ€rntner Landtags hatte Investor Berlin ausgesagt, die BayernLB habe bei der PrĂŒfung der Hypo Group auf Unterlagen seiner Gruppe aufgebaut. Die PrĂŒfung "war nicht so lange wie unsere, weil wir ihnen die Informationen, die wir hatten, ĂŒberlassen haben und die eigentlich nur noch aktualisieren mussten, was sie in unseren Unterlagen vorgefunden haben."

Am Dienstag Ă€ußerte sich der ehemalige IKB-Vorstandschef Stefan Ortseifen zum Beinahezusammenbruch der Bank bezogen und wies jede Verantwortung von sich gewiesen. Das Handelsblatt zitiert ihn:

"Ich bin immer wieder zu der Erkenntnis gekommen, dass mich im rechtlichen Sinn keine Schuld trifft", sagte der sichtlich ergraute 59-JĂ€hrige vor der Wirtschaftsstrafkammer des DĂŒsseldorfer Landgerichts. Auch die anderen damaligen VorstĂ€nde und Aufsichtsratmitglieder treffe seiner Ansicht nach keine Schuld. Grund fĂŒr den Beinahezusammenbruch am 27. Juli 2007 seien nicht die VerbriefungsgeschĂ€fte der IKB gewesen. Auslöser sei vielmehr gewesen, dass die Deutsche Bank am Morgen des 27. Ihre langjĂ€hrige Kreditlinie fĂŒr die IKB gekappt habe. Dies sei sofort am Markt bekannt gewesen "und als Fanal gegen die IKB angesehen" worden, sagte Ortseifen.

Den Oskar fĂŒr personifizierte Verantwortungslosigkeit erhĂ€lt Ex-Lehman-Vorstandschef Richard Fuld. Konfrontiert mit den Aussagen eines Untersuchungsberichtes, der Lehman vorwirft, mit geschickten Buchungstricks LiquiditĂ€tsprobleme kaschiert zu haben, sei er, so die FTD, “nach eigenen Aussagen nicht informiert gewesen. Er habe nicht gewusst, um welche Form von Transaktionen es ging, teilte seine AnwĂ€ltin Patricia Hynes von der Kanzlei Allen & Overy mit. Er habe sie weder strukturiert noch ausverhandelt. "Ihm war auch nicht bewusst, wie sie verbucht wurden", sagte Hynes.” Das ist eine gehörige Portion Verantwortungslosigkeit bei 484 Mio. $ Bonuszahlungen, die er seit 2000 erhaltenen hatte.

MerkwĂŒrdig, dass nicht auch Richard Fuld mit dem Finger auf die Deutsche Bank zeigt, denn sie soll ja auch ein Gesuch, sich an Lehman zu beteiligen, abgelehnt haben.

Auch der ĂŒberraschende und bisher nicht begrĂŒndete RĂŒcktritt des Solar-Millennium-Chef Claassen mutet sehr mysteriös an und zeugt davon, dass hier jemand seine Pflichten nicht kennt. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies nach dem Anstellungsvertrag möglich ist und ob persönliche GrĂŒnde im Hintergrund eine Rolle spielen. Mehr zum spektakulĂ€ren Fernbleiben vom Arbeitsplatz hier bei Investors Inside und in der Wiwo: Die Solar-Millennium-Saga.

Dieser Beitrag ist ursprĂŒnglich erschienen im Blick Log.

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