China: Der Himmel ist hoch, der Kaiser ist weit

8. August 2010
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Zu den lehrreichsten Sprüchen, die ich in sechs Jahren China gelernt habe, gehört dieser: Tian Gao Huangdi Yuan – Der Himmel ist hoch, der Kaiser ist weit. Will heißen: Was Peking beschließt, verfügt und anordnet, muss noch lange nicht in dem riesigen Hinterland passieren. In Yunnan, Tibet, Sichuan und vielen anderen westlichen oder zentral gelegenen Provinzen der Volksrepublik hält man es mit der Ferne: Was Peking nicht sieht oder weiß, macht Peking auch nicht heiß.

Vor diesem Hintergrund muss man die Nachricht über den Banken-Stresstest im Reich der Mitte sehen. Die Bankenaufsicht CBRC hat ihn verordnet. Und sie hat strenge Vorgaben gemacht. Wegen der Überhitzung des Immobiliensektors – die Pekings Machthaber seit dem April mit zunehmendem Ernst und Biss zu zügeln versucht, sollen Preiskorrekturen bis zu 60% durchgespielt werden.

Wow: Das hätte mal einer in Europa oder den USA machen sollen. Im Stresstest der Eurozone – wo mit Griechenland ja bereits ein ganzes Land aufgefangen wurde – hat man lediglich 23% Abschlag auf die Staatsanleihen als schlimmsten Fall angenommen. Und Bonds die bis zur Fälligkeit gehalten werden – die Mehrzahl – wurden gar nicht berücksichtigt.

Gegen diese Warmduscher-Prüfung sieht Pekings strikter Risiko-Test richtig kernig aus. Oder ?

Das stimmt zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten muss man festhalten, dass die politische Führung im Politbüro und im Staatsrat der fernen Hauptstadt in Wahrheit keinen blassen Schimmer hat, wie viele Kredite und Schulden ihre lokalen Regierungen und deren Finanzierungs-Vehikel in den vergangenen Jahres des rasenden Immobilienrausches wirklich bei den Zweigstellen der Staatsbanken aufgenommen haben.

Traditionell stecken die Zweigstellenleiter in der Provinz mit Bürgermeistern, Parteisekretären und anderen Kadern fern von Peking die Köpfe zusammen und mauscheln ihre lokale Extrawurst aus. Der ferne Kaiser hinter der Großen Mauer kriegt davon oft wenig oder gar nichts Genaues mit – Tian Gao Huangdi Yuan.

Das ist ein altes und immer wiederkehrendes Problem in dem Riesenreich, das gerade das siechende Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde abgelöst hat. Wegen dieses Effektes konnten in der südlich von Shanghai gelegenen Provinz Zhejiang ganze Cluster kapitalistischer Standorte unter dem drakonischen Kommunisten Mao fröhliche Urständ feiern. Die Millionärs-Familien im der Stadt Wenzhou haben bis heute einen immensen Anteil an dem Kapital, das nach Shanghai strömt und die neue Finanzmetropole Chinas regelrecht aufbläst.

Dieser Tian Gao-Effekt führt auch dazu, dass Peking, wenn es Kontrolleure in die Provinz schickt um nach dem Rechten zu sehen, oft genug Kontrolleure für die Kontrolleure mitschickt. Damit das weite Land nicht macht was es will – und die Kontrolle in der riesigen Volksrepublik trotzdem einigermaßen funktioniert – werden oft genug drakonische Vorgaben gemacht. Als der Jahr-2000-Virus die Welt in Atem hielt, verordneten Pekings rote Mandarine, dass um Mitternacht auf den 1. Januar jeder CEO der chinesischen Airlines an Bord einer “seiner” Maschinen mitfliegen musste. Damit war sicher gestellt, dass die ihre Hausaufgaben gut machen.

Als vor Jahren eine Serie tödlicher Unfälle bei den Truppenübungen chinesischer Fallschirmspringer unlösbare Rätsel aufgab und die Unfallursache einfach nicht gefunden werden konnte, befahl Peking den Managern des Fallschirm-Herstellers mitzuspringen. Seitdem ist das Problem gelöst.

Tian Gao spielt auch eine Rolle bei dem riesigen Konjunktur-Programm, mit dem Chinas Führung auf die Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Konjunktur reagiert hat. Vieles von dem vielen Geld wurde ohne Wissen und Kontrolle Pekings ausgegeben. Ein guter Teil davon sehr wahrscheinlich für Speku-lationen am siedend heißen Immobilien-Markt.

Der Tian Gao-Effekt ist einer der Gründe warum sich Ausländer so schwer tun, China zu verstehen. Peking verspricht die Öffnung seiner Märkte: Das Hinterland hintertreibt die Vorgaben so gut es kann. Peking ordnet eine Drosselung der rasant expandierenden Kredite an: In den Weiten der chinesischen Prärie baut man dafür gekonnt Hintertüren. Und so weiter und so fort. Deswegen tut man gut daran, Pekings – meist ernst gemeinten – Versprechen zu glauben, aber dabei den Fernen Kaiser-Effekt im Blick zu behalten.

Hier eine Illustrierung, die ich dazu heute angefertigt habe. Ich weiß, die Mauer verläuft eher in Ost-West-Richtung, aber sie soll hier die örtliche Trennung und Ferne zwischen Peking und dem riesigen Hinterland symbolisieren:

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