Am Anfang steht Nicht-Wissen

27. März 2010
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Das Integral-Blog von Andreas Zeuch über Intuition und Nichtwissen im Management beflügelt mich zum Mitdenken. Im Artikel Ein Fall von Nichtwissen (6): Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie vom 3. Februar 2010 schildert Andreas Zeuch eindrücklich, wie ein noch laufendes Hamburger Bauprojekt die geplanten Kosten und Termine weit überziehen wird (statt 186 Mio Euro wird der Bau 400 – 500 Mio Euro kosten)1. Dasselbe ist ja auch von der Oper Sydney bekannt und gilt – wie Zeuch richtig feststellt – für die meisten Infrastruktur- und Grossprojekte. Projektfachleute, die mit Zertifizierungen viel Geld verdienen, lullen uns zwar mit ihren Beschwörungen ein, (terminliche und monetäre) Ziele seien spezifizier- und planbar und geben dafür auch gleich Patentrezepte mit ab, wie Ganttdiagramme, CPM, Earned Value Analysis, etc., die aber offenbar allesamt nichts taugen. Wenn da eine (Kultur)Senatorien wider besseren Wissens mitten im Projekt öffentlich bekundet, dass man “jetzt grösstmögliche Kosten- und Terminsicherheit” habe, demonstriert sie eindrücklich, was man unter dem “Confirmation Bias” versteht, der oft für das Desaster zuständig ist. Wie Zeuch richtig feststellt und ich in meinem Buch Projektdynamik – Komplexität im Alltag darlege, funktioniert der Mensch nicht rational2. Entscheide basieren auf Gefühlen und vor allem auf “alteingesessenen” Heuristiken, die sich vor zig Jahrtausenden in unserem Gehirn etabliert haben. Dummerweise funktioniert aber die Welt seit ca. 100 Jahren ziemlich anders als vorher, so dass unsere Intuition und Heuristiken immer öfter versagen, vor allem beim Planen.
Zeuchs Blog handelt vom “Nichtwissens-Management”. Ich erkläre in meinem Buch, wie Wissen im Verlauf eines Projekts – insbesondere in Integrations- und Migrationsprojekten , das sind verallgemeinerte Infrastrukturprojekte -, wie Wissen während der Projektabwicklung wächst. Übertrieben gesagt weiss ich erst am Ende des Projekts, was ich will und wann ich fertig sein werde, nämlich jetzt…. Erst durch die Projektarbeit lerne ich den Projektgegenstand kennen und verstehe ich, worauf ich zu achten habe. Gemäss einer Meldung des Baukonzerns Hochtief vom 28. Januar 2010, verzögert sich die Fertigstellung vor allem wegen der Komplexität des Baus des großen Saals (sic!). Obwohl Hochtief sicher schon ein paar Mal einen grossen Saal gebaut haben, kommt der Konzern jetzt an seine Grenzen. Er überschätze sein Wissen. Erst im Verlauf des Baus lernt er, was da eigentlich gebaut werden soll. Je mehr er tut, desto mehr Wissen generiert er und desto mehr Arbeit gibt es zu tun, denn das generierte Wissen muss zuerst verstanden werden. In Infrastrukturprojekten ist es zunächst nicht so, dass einem ausgeführte Arbeiten näher zum Ziel bringen. Zuerst entfernt man sich vom Ziel, je mehr man gearbeitet hat. Ich habe das in meinem Buch so dargestellt:

“Tasks to do” kann man sich als Liste denke, die alle offenen Tasks und Fragen enthält. Das Abarbeiten dieser Tasks (”Work in Progress”) verkürzt die Liste, generiert aber Wissen, dessen Nachprüfung die Liste verlängert. Im ersten Teil des Projekts ist der verlängernde Einfluss grösser als der verkürzende.

Wann werden Senatoren, Projektfachleute, Bauunternehmer und Wirtschaftsleute dieses Diagramm lernen?

1Zeuch, A. Ein Fall von Nichtwissen (6): Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie. Integral-Blog, 3. Februar 2010
2Addor, P. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. Verlag Reinhold Liebig, Frauenfeld, 2010

Wann ist ein Projekt ein Projekt? Fri, 19 Mar 2010 08:42:09 +0100

Posted by Peter Addor in : Projektmanagement , add a comment

Eines der besten PM-Blogs ist eben das pm-blog von Stefan Hagen1. Würden wir uns zum Bier treffen, dann würden unsere Diskussionen wohl sehr lang und erst ab einem gewissen Ethanolbestand verlangsamt und unterbrochen werden. Sein neuster Artikel “Wann ist ein Projekt ein Projekt?” fokussiert meine Aufmerksamkeit auf der Stelle (Danke, Herr Hagen, es ist erst 7 Uhr morgens). Das Thema hatte ich hier ja auch schon, und in Herrn Hagens Terminologie gehöre ich zu denjenigen, die an Projektitis leiden. Aber es tut gar nicht weh. Immerhin möchte ich darauf hinweisen, dass Bauunternehmer, Fensterbauer, Telekommunikations- und IT-Firmen und viele andere mehr ihre Geschäfte als Projekte abwickeln und gar nichts anderes kennen. Für einen Bauunternehmer, der sich auf Einfamilienhäuser (EFH) spezialisiert hat, ist jede einzelne Baustelle ein Projekt und hat einen Projektleiter, auch wenn er schon Tausend EFH gebaut hat und es somit längst Routine geworden ist.
Ich vertrat auch lange Zeit die Meinung, dass Projekte sehr einmalig sein müssten und “man” pro Jahr ein bis zwei Projekte antrifft. Als ich einmal mit meinem Bruder, der aus der Baubranche kommt, über Projektmanagement diskutierte, sagte er in einem bedauernden Ton: “Aber unsere Projekte sind für Dich ja keine Projekte”. Mittlerweile habe ich begriffen, dass man nie zweimal in den gleichen Fluss steigt. Jede EFH-Baustelle ist nämlich anderes, schon nur aus dem Grunde, weil jeder Bauherr anders tickt und andere Werte hat.
In meiner Weltanschauung gibt es nicht wenig Projekte und viel Routine. In meiner Weltanschauung gibt es so gut wie keine Routine. Stanislaw Jerzy Lec sagte einmal

Manche leben mit einer so erstaunlichen Routine, dass es schwerfällt zu glauben, sie lebten zum ersten mal

Für viele werden sogar erst- und einmalige Dinge so schnell zur Routine, dass sie die andauernde Erstmaligkeit nicht mehr erkennen. Denken Sie an Urlaub! Sind Ihre Urlaubsunternehmen zur Routine geworden? Hoffentlich nicht. Sie möchten am Ende eines jeden Urlaubs sagen können: “Mann, das war ein einmaliger Urlaub” und das, obwohl Sie schon Dutzende Male Urlaub machten. Und wer schon mal in schlechten Hotels war, nur auf Flughäfen herum gesessen hatte, im Urlaub erkrankt war oder sonstigen Ärger hatte weiss erst recht, dass jeder Urlaub einmalig ist. Daher ist Urlaub für mich ein Projekt. Und für mich macht es bei allem, was ich tue Sinn, dieselbe Überlegungen anzustellen, wie bei einem “richtigen” Projekt. Deshalb ist für mich alles ein Projekt. Denn neuartig ist es eh. Daher sind die Kriterien an ein Projekt nicht Neuartigkeit und Komplexität, sondern

  • Veränderung und
  • Komplexität

Ein Projekt hat die Aufgabe, etwas zu verändern. Ein EFH verändert die Landschaft, den Umsatz des Bauunternehmers und das Leben des Bauherrns. Alles, was zu einer Veränderung beiträgt (und einen gewissen Komplexitätsgrad hat) ist für mich ein Projekt.
Im zweiten Teil seines Artikels geht Stefan Hagen noch auf die Frage ein, inwiefern sich Projekte standardisieren lassen. Ein höchst interessanter Artikel, mit einer ansprechenden Grafik.

1Hagen, S. Wann ist ein Projekt ein Projekt? 15. März 2010. http://pm-blog.com/

One Response to “ Am Anfang steht Nicht-Wissen ”

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